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Aktion vor der GV-Tamedia

An der Generalversammlung von Tamedia haben syndicom und Impressum die Aktionärinnen und Aktionäre aufgefordert, auf die Hälfte der Dividende zu verzichten, um die angekündigten Sparmassnahmen zu verhindern. Die Besitzerfamilie Coninx war dagegen.


Als Tamedia im Jahre 2000 den Börsengang beschloss, kaufte auch die Mediengewerkschaft comedia, heute syndicom, einige Aktien, um sich so ihr Rede- und Stimmrecht an den Generalversammlungen des Konzerns zu sichern. Ein Stimmrecht allerdings, welches, wie das vieler anderer Klein- und KleinstaktionärInnen, nur symbolischer Natur sein kann. Besitzt doch die weitverzweigte Familie Coninx über persönliche Beteiligungen und Stiftungen rund drei Viertel der Aktien und ist somit bei Abstimmungen immer in der deutlichen Mehrheit. So auch diesmal.


syndicom und der Berufsverband impressum hatten den Aktionärinnen und Aktionären, die am 26. April zur Generalversammlung von Tamedia ins Kongresshaus Zürich kamen, einen lauten Empfang bereitet. Neben zahlreichen Angestellten des inzwischen mächtigsten Medienunternehmens der Schweiz standen die ­GewerkschafterInnen mit Transparenten und Protesttafeln vor dem Eingang Spalier. Ein vollgestopftes Sparschwein als Symbol für die zum Bersten gefüllten Taschen der Hauptaktionäre und eine Topfkollekte für die von den ständigen Sparmassnahmen gebeutelten Redaktionen und Druckzentren sollten der zentralen Forderung von Personal und Gewerkschaft Nachdruck verleihen: Wenn die AktienbesitzerInnen bereit wären, auf die Hälfte der Dividende zu verzichten, könnte die drohende Sparübung abgeblasen werden.


Denn nach einem der erfolgreichsten Geschäftsjahre seit Firmengedenken, in dem die Tamedia AG 152 Millionen Franken Gewinn erwirtschaftet hat, verlangt die Unternehmensleitung, dass in den Redaktionen und Druckereien in den kommenden drei Jahren 34 Millionen eingespart werden. Das entspricht den Kosten von etwa 200 Arbeitsplätzen.

Wir stellten einen Antrag?...
syndicom und Impressum stellten deshalb an der Generalversammlung gemeinsam den Antrag, dass die Ausschüttung von Fr. 4.50 pro Aktie – die zweithöchste je von Tamedia gewährte Dividende – auf Fr. 2.25 reduziert werde, um mit den so gesparten 24 Millionen Franken einen Fonds zum Erhalt von Arbeitsplätzen­ und zur Sicherung der Qualität der Informationsmedien von Tamedia einzurichten.


Vor allem die Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie hatten zu mobilisieren gewusst. Gut fünfzig Redaktorinnen und Redaktoren der Westschweizer Zeitungen und einige Druckereiangestellte waren gemeinsam mit dem Zug aus Genf und Lausanne gekommen, um gegen die angekündigten Sparmassnahmen zu demonstrieren. Im Saal ergriff Ludovic Rocchi das Wort, Redaktor bei «Le Matin» in Lausanne, und redete den AktionärInnen ins Gewissen: Die Gier führe zu einem ­groben Imageschaden des Unternehmens. «Eine Zeitung ohne Herz macht keine Gewinne. Und was bringen Ihnen 30% Dividende von nichts?» Und weiter warnte er: «Wenn wir nicht aufpassen, ist auch die Schweiz bald nicht mehr dieselbe.» Denn die Qualität der Informationsvermittlung habe auch Einfluss auf den Fortbestand der Demokratie.


Roland Kreuzer, Leiter Sektor Medien von syndicom, wies darauf hin, dass eine halbierte Dividende in etwa dem Durchschnitt der letzten Jahre entspräche und der Fonds auch darum einen fairen Vorschlag darstelle. Aus­serdem appellierte er an Tamedia, sich zum Produktionsstandort Schweiz zu bekennen und wenigstens die eigenen Zeitschriften wie «Annabelle» und «20 Minuten Friday» wieder in den eigenen Betrieben zu drucken statt im Ausland. Urs Thalmann, Geschäftsführer Impressum, ergänzte, dass in den USA laut einer aktuellen Studie ZeitungsreporterIn bereits einer der unbeliebtesten Jobs sei – noch hinter Tellerwäscher oder Soldat. Der Grund: Sparübungen, zu kleine Redaktionen, zu grosser Stress.

...Hochhaushoch abgelehnt
Tamedia könne dafür sorgen, dass es hier nicht so weit komme, und dem Antrag von impressum und syndicom zustimmen. Viele KleinaktionärInnen zeigten Verständnis für die Anliegen der DruckerInnen und Journa­list­Innen; und sie gaben dann auch ihre Stimmen zur Unterstützung des Vorschlags ab. Auch wenn recht viele Hände im Saal in die Höhe schnellten, blieb ihr Stimmanteil unbedeutend. Mit der Übermacht der Besitzerstimmen wurde der Antrag hochhaushoch abgelehnt. Eine enttäuschte Aktionärin trat am Ende der Versammlung auf die Gewerkschaften und das Personal zu: «Ich schäme mich für dieses Abstimmungsergebnis», sagte sie. Es sei ein Armutszeugnis, obwohl ja doch keiner der Abstimmenden am Hungertuch nage.


Sie war mit ihrer Enttäuschung nicht allein. Am Vormittag hatten etwa 150 Journalistinnen und Journalisten von Tamedia Romandie in Lausanne protestiert. Als absurd anmutendes Nebenereignis ergriff übrigens auch der frischgebackene Tamedia-Aktionär, Herr Professor Doktor Nationalrat Christoph Mörgeli, das Wort an der Generalversammlung.
In einer mit wüsten Behauptungen gespickten Hassrede verlangte er die Absetzung des «Tages-Anzeiger»-Chefredaktors Res Strehle. Auch sein Antrag wurde abgelehnt.

Link zum YouTube-Video der Rede von Ludovic Rocchi

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