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Uncool: «Ausbildung extended»

Von der «Generation Y» zu sprechen, die jung und selbstbewusst, geradezu fordernd sei, ihre Chefs vor Probleme stelle – das liegt gerade im Trend. Aber für die Prototypen dieser hippen Generation, jene jungen Leute, die Visuelle Kommunikation ­studiert haben, schaut die Wirklichkeit ein wenig finsterer aus. Sie trägt einen Namen: Praktikum. 

 

Dossier Praktikum

Wer eine Ausbildung als Grafikerin macht, landet nachher im Grafikbüro oder in der Werbeagentur. Aber mehr als 1100 Studierende sind an den schweizerischen Hochschulen für Visuelle Kommunikation eingeschrieben. Nachher wollen auch sie in Grafikbüros landen – und werden zunächst zu einer Heerschar von PraktikantInnen. Drei, die es traf, sind Selina O., Laura F. und Jasmin A. (Namen geändert) – alle drei kommen von Schweizer Fachhochschulen für Gestaltung. Die dreissigjährige Laura absolvierte nach ihrem Studium ein zehnmonatiges Praktikum in einem Zürcher Grafikbüro. «Das ist in der Grafikbranche gang und gäbe. Nach den drei Jahren Bachelorstudium kriegt man meist keinen Job», meint sie. Dem pflichtet die jüngere Selina bei: «Es geht eben ein halbes Jahr, bis du dann endlich eine Festanstellung bekommst. Da musst du ein Praktikum machen.» Sie selbst hat es nun nach Deutschland verschlagen, wo sie ein Jahr lang durch zwei Praktika gehen wird. Und auch Jasmin kann nichts Gegenteiliges berichten: «Man weiss, dass man nach dem Studium ein Praktikum machen muss. Eigentlich müsste man nicht, aber alle tun es – so ist es zur Verpflichtung geworden.»

Diese «Verpflichtung» ist vor allem durch die Konkurrenz der Studierenden mit den LehrabgängerInnen bedingt. Da die einen wie die anderen um dieselben, wenigen Stellen ringen, sind die UnternehmerInnen in der komfortablen Lage, streng auszusieben. Die gelernten GrafikerInnen haben dabei einen entscheidenden Vorteil: ihre Praxiserfahrung. Entsprechend müssen die HochschulabsolventInnen durch diverse Praktika – sie müssen aufholen. Bei der Bewerbung um eine Vollzeitstelle geht es für sie darum, einen möglichst renommierten Namen in ihrer Vita unterbringen zu können. Laura bringt es auf den Punkt: «Das Praktikum ist wie eine ‹Ausbildung extended›.»

Für ein paar Hundert Franken...

Dabei liegen die Praktikumslöhne teils noch unter der Entschädigung für Auszubildende. Die Spannbreite liegt zwischen 400 Franken und 1500 Franken. Die Ausreisser nach unten sind natürlich zahlreicher als «hohe» Praktikumslöhne. «Ich habe 1000 Franken Lohn bekommen, brutto. Netto waren das dann noch 900 Franken», erklärt Laura. Jasmin doppelt nach: «Eine Kollegin hat bei einer Werbeagentur ihr Praktikum gemacht. Sie war ein Jahr angestellt und bekam 1000 Stutz. Dabei musste sie viele Überstunden machen, die nicht bezahlt wurden.»

Da ist es wenig tröstlich, dass es im Ausland nicht besser steht. Das Berliner Praktikum, das Selina momentan absolviert, wird mit nur 300 Euro vergolten. Jasmin, die während des Studiums ein obligatorisches zweimonatiges Praktikum absolviert hat, war in Spanien. Lohn für zwei Monate Arbeit: 600 Euro.

Dabei werden die PraktikantInnen oftmals mit nicht weniger Verantwortung beladen als regulär Angestellte. «Ich mache die gleichen Arbeiten und muss mich auch selbständig um Projekte kümmern», führt etwa Selina aus. Auch Laura hat diese Erfahrung gemacht. «Ich hatte schon viel Verantwortung in meinem Praktikum.» Dennoch hat sie auch eine Art «Schutzraum» für sich erlebt, in dem sie unbelasteter arbeiten konnte. Hier kommt auch der Doppelcharakter des Praktikums zum Vorschein. Hohe Verantwortung im Praktikum bedeutet auch, eine Menge Erfahrungen zu sammeln. Entsprechend fällt das Fazit aller drei jungen Frauen aus: «Viel gelernt.»

Weniger Geld als im Studium

Nur kann man vom Lernen allein nicht leben. Laura formuliert das so: «Mit dem Praktikumslohn allein kommt man nirgends hin.» Entsprechend hat sie neben ihrem Praktikum weitere «kleine Jobs» erledigt. So ergeht es vielen, die in Werbe- oder Grafikbüros ein Praktikum machen: sie schaffen als Freie. Auch auf Selina trifft das zu: «Ich freelance noch in der Schweiz. Mit den Schweizer Löhnen kann ich in Berlin zum Glück leben.» So wird das Praktikum gleich doppelt zur «praktischen» Erfahrung: Man arbeitet für die jeweilige Bude, es geht um den guten Namen; man arbeitet als freie GrafikerIn, es geht um das Geld. Andere müssen von ihren Eltern unterstützt werden. Dazu braucht es allerdings Eltern, die unterstützen können. Überhaupt bedeutet das Praktikum für die meisten HochschulabsolventInnen einen sozialen Einschnitt. Während des Praktikums verfügen sie oft über weniger Geld als zu ihrer Studienzeit:

Zunächst gibt es keinerlei Stipendien mehr. Durch die Vollzeitstelle ist die Möglichkeit der freien Arbeit eingeschränkt. Mit dem Studienausweis fallen weitere Vergünstigungen weg. Bald kommt noch das Erreichen des 25. Lebensjahrs hinzu, was zu Verteuerungen etwa bei den Verkehrsmitteln führt. «Mir ist die Kultur sehr wichtig. Aber wenn ich nun, ohne Legi, 40 Franken Eintritt zahlen muss, dann kann ich mir das mit dem Praktikumslohn nicht mehr leisten», erklärt Laura. Vergünstigungen für PraktikantInnen, wie sie etwa Selina in Berlin erlebt, gab es für sie nicht. Trotzdem berichtet auch sie: «Ich bin auch schon in einen Engpass gekommen.»

Für einige Studis ist diese Perspektive zu abschreckend, sie machen sich selbständig. Diesen Weg hat Jasmin gewählt, die mit einem Kollegen nach Ende ihrer Studienzeit ein eigenes Büro eröffnete: «Für mich ist die Selbständigkeit wie ein Praktikum.» Das stimmt leider auch ökonomisch. Momentan kommt Jasmin auf ein monatliches Einkommen von 1500 Franken. Sie hofft, bald auf ähnliche Beträge zu kommen, wie sie andere ihr bekannte Selbständige nach zirka zwei Jahren erreichten – das wären 2500 Franken. Wie gross der Teil derer ist, die nach dem Studium in die Selbständigkeit wechseln, kann nur geschätzt werden. Sicher ist er – auch aufgrund des «künstlerischen Freigeists» – recht hoch.

Lohndrückerei

Die Praktika in der Visuellen Kommunikation haben noch eine Ebene, die über die Direktbetroffenen hinausgeht.

Auf die etwa 6000 Berufstätigen der Branche in der Schweiz kommen über tausend HochschülerInnen, die grossmehrheitlich Praktika absolvieren werden. Bei den üblichen Praktikumsbedingungen bedeutet das ein ganz beachtliches Reservoir an billigen Arbeitskräften – und entsprechenden Lohndruck gegen unten. Tatsächlich zeichnet sich die Visuelle Kommunikation mittlerweile durch ein tiefes Lohnniveau aus. So gibt es statt einforderbaren Mindestlöhnen nur unverbindliche Lohnempfehlungen. Die liegen für gelernte GrafikerInnen anfangs bei 3800 Franken, erst nach fünf Jahren sollen 4200 Franken gezahlt werden.

Ein anderes Merkmal der Branche: der hohe Anteil an Klein- und Kleinstbetrieben. Diese können ihrerseits kaum ordentliche Löhne zahlen, sind auf die Arbeit von PraktikantInnen angewiesen. Selina arbeitet in Deutschland in einem solchen Betrieb: «Es sind neun Leute bei uns. Davon drei Grafiker, mit mir als Praktikantin. Eine Festanstellung kommt gar nicht in Frage, sie haben immer eine Praktikantin.» Laura hat in einem solchen Betrieb gearbeitet: «Wir waren acht, plus die Chefin und ich als Praktikantin.» Und Jasmin führt nun selber einen solchen Betrieb, allerdings noch ohne Praktikanten: «Im Moment können wir uns einfach noch keinen leisten.» Für die zersplitterte Branche, für die Kleinstbetriebe sind die billigen Arbeitskräfte unabdingbar. Für die regulären Arbeitenden bedeuten sie natürlich einen Druck auf die Löhne. So werden die HochschulabgängerInnen der Visuellen Kommunikation, ungewollt und ungefragt, zu einem Reserveheer an Lohndrückern.

Staat schaut zu

Eine rasche Änderung dieser Missstände ist nicht in Sicht. Die sogenannte Sozialpartnerschaft versagt hier: Es gibt keinen Unternehmensverband, mit dem sich über einen Gesamtarbeitsvertrag verhandeln liesse. Eine Vertragslösung, etwa über die Festlegung von Praktikumslöhnen im GAV, ist unmöglich. Entsprechend kann auch syndicom nur Lohnempfehlungen abgeben. Was es bräuchte, wäre ein staatliches Eingreifen mit griffigen Regelungen. Doch der Staat schaut zu. Laura, Jasmin und Selina und Hunderte andere existieren für ihn offenbar nicht.

Johannes Supe, Redaktions­praktikant (80%) für 6 Monate, verdient 2100.–­/Monat.

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