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"Viel mehr als eine Einladung zum politischen Widerstand"

Weltsozialforum 2018

Die Auflage 2018 des Weltsozialforums fand in Brasilien statt – in einem auch dort zunehmend neoliberalen Klima. Das WSF ist nicht ohne Kritik und ohne politische Debatten über die Bühne gegangen. Trotzdem erfüllt die Veranstaltung immer noch voll und ganz ihre Rolle als Plattform des Austausches, meinte Sergio Ferrari von E-CHANGER vor Ort. Der Verein E-CHANGER mit Sitz in Lausanne kümmerte sich um die Organisation der Schweizer Delegation, die mehr als 25 Persönlichkeiten zählte. Der Anlass wurde am Mittwoch, 13. März, in Salvador de Bahia eröffnet und dauerte bis Samstag, 17. März.

Die OrganisatorInnen haben das diesjährige WSF unter das Thema "Widerstand leisten heisst erschaffen, widerstehen heisst umwandeln" gestellt. Ein Titel, der im Kontext der Rechtswende in diversen südamerikanischen Ökonomien voll ins Schwarze trifft. "Klar, unter den Teilnehmern des WSF sind die Sorgen über einen Paradigmenwechsel deutlich zu spüren", sagte Sergio Ferrari gegenüber der SDA. "Und viele informelle Diskussionen hatten durchaus einen politischen Charakter." Jedoch warnt er vor einer falschen Vereinfachung des Mottos, das viel mehr als eine Einladung zum politischen Widerstand sei.

"Unter Widerstand müssen wir alle Formen der gesellschaftlichen Auseinandersetzung verstehen. Der Kampf der Frauen, der ÖkologInnen, der Kampf all jener, die für mehr Solidarität kämpfen", betonte Sergio Ferrari. Das Weltsozialforum hat sich also nicht dieses Jahr in einen "revolutionären Raum" umgewandelt. Im Vergleich war diese Ausgabe "viel weniger politisiert als diejenige in Tunis" (2013), die in der Nachperiode des arabischen Frühlings stattgefunden hatte.

Erwartungen übertroffen

Zu den stärksten Momenten des ersten Tages am WSF 2018 zählt Sergio Ferrari den Eröffnungsmarsch durch die Stadt Salvador de Bahia, an dem "circa 20 000 Personen aus ganz verschiedenen Milieus" teilgenommen haben. "Es herrschte eine Superatmosphäre mit viel Musik; alles war sehr bunt, sehr brasilianisch!"

Generell freut sich der Verantwortliche von E-CHANGER über eine sehr grosse Teilnahme dieses Jahr: "Es würde mich nicht wundern, wenn die 60 000-Personen-Limite überschritten worden ist", so schätzt er. Weiteres markantes Element: Sergio Ferrari berichtet von einer besonders hohen Teilnahme von "Jugendlichen und Frauen".

Abschlussdeklaration oder nicht?

Auch wenn Sergio Ferrari die Fülle und Vielfalt des Programms, das die Organisatoren während dieser 4 Tage auf die Beine gestellt haben, sehr schätzte, erinnert er doch daran, dass dieser Anlass auch als Katalysator für einen anderen Austausch dienen sollte. Die Schweizer Delegation hatte sich daher auch schon ein paar Tage vor der Eröffnung nach Brasilien begeben, um lokale Partner zu besuchen und neue Projekte in Bahia zu erkunden.

"Wir haben Parzellen besucht, die von der Bewegung der Landlosen besetzt und institutionalisiert worden sind, und wir haben mit den Mitgliedern einer Gewerkschaft gesprochen, die die Heimarbeiterinnen organisiert." Eine weitere Erinnerung, die Sergio Ferrari noch lange begleiten wird, war das Gespräch mit Chico Whitaker, einem der Gründer des Weltsozialforums und eine Art "Guru der Antiglobalisierungsbewegung".

Die Diskussionen mit ihm führten unter anderem auch zu Überlegungen über die Zukunft des WSF. "Chico Whitaker ist relativ kritisch gegenüber der Teilgruppe der OrganisatorInnen, die denkt, dass der Anlass politischer und engagierter sein sollte, und dass er mit einer öffentlichen Deklaration beendet werden sollte", berichtet Sergio Ferrari. Im Gegensatz dazu spreche sich der achtzigjährige Brasilianer für einen "selbsteinberufenen und nicht radikalisierten Raum" aus.

Das Forum der schwarzen Frauen

Chico Whitaker ist auch ein leidenschaftlicher Befürworter einer Rückkehr zur gleichzeitigen Durchführung des Weltsozialforums und des Weltwirtschaftsforums von Davos (WEF). Eine Veränderung, die das WSF sichtbarer machen würde. "Diese Datumsfrage wird heiss diskutiert hinter den Kulissen des Forums", stellt Sergio Ferrari fest.

Auch der Ort – oder besser gesagt: der Kontinent – der das WSF beherbergt, ist ziemlich umstritten. Zur Erinnerung: 2016 fand das Forum in Montreal statt, wo nur 30 000 Personen dabei waren, da die Kosten für viele Interessierte zu hoch waren.

"Klar bedauert man diese weniger zahlreiche Teilnahme. Dafür war die kanadische Ausgabe sehr kreativ und hat die Gelegenheit für einen richtigen Generationenwechsel gegeben." Für Sergio Ferrari muss der Veranstaltungsort kein Entweder-oder sein: "Montreal war das Forum der jungen Uni-Studenten, Salvador das der schwarzen Frauen. Das Wichtigste ist diese grosse Vielfalt!"

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