Kurierdienst notime

Profit einstecken und die Risiken den Arbeitnehmenden überlassen

Am Beispiel des Zürcher Kurierdienstes notime lässt sich das Ungleichgewicht der Arbeitsverhältnisse dokumentieren. Die KurierInnen haben viele Pflichten und keine Rechte.

Seit rund zwei Jahren versucht sich das Start-up-Unternehmen notime auf dem Schweizer Warenlieferungsmarkt zu etablieren. Als hochflexibler Dienstleister schaltet es sich zwischen Online-Shops und KundInnen, um laut Eigenwerbung eine «Full-Service-Lösung für Same-Day- und zeitfenster­basierte Lieferungen» zu bieten. notime hat rasch expandiert: Bereits in acht Schweizer Städten unterhält die Firma eigene Liefernetzwerke mit insgesamt über 400 VelokurierInnen. Dabei arbeitet notime mit namhaften Firmen zusammen – unter anderem mit der Post und der SBB.

Ein Teil der Kuriere sind nicht Angestellte der Firma, sondern nutzen deren Technologie als Selbstständige. «Diese Flexibilität ist grundsätzlich ganz nach meinem Geschmack», sagt ein notime-Kurier, der anonym bleiben möchte. Dafür akzeptiert er den etwas tieferen Stundenlohn, den er im Vergleich zu früheren Kurierjobs erhält. Die Schichten der Kuriere werden zwei Wochen im Voraus verteilt – und hier wird das Arbeitsverhältnis schwierig. Denn je öfter man für notime fährt, desto früher darf man online die Schichten belegen. «Ich kam in letzter Zeit nicht oft zum Ar­beiten, weshalb für mich zuletzt nur noch Stand-by-Schichten übrigblieben», sagt der Mittzwanziger. Stand-by, das heisst: ständig bereit sein, um innert zwanzig Minuten Einsätze zu fahren. Bleiben Aufträge aus, gibt es fünf Franken pro Stunde. Während der ­Bereitschaftszeit ist es untersagt, für andere Kurierdienste zu arbeiten. ­Gemäss Arbeitsvertrag muss sich der Velokurier ausserdem selbst gegen Erwerbsausfälle und Unfall versichern. Für alle Schäden kommt er selbst auf. Eine Kündigungsfrist gibt es nicht.

Laut Rahmenvereinbarung obliegt es ihm auch, Sozialversicherungen abzuschliessen. «Diese Abgaben haben wir den Selbstständigen bisher aber zusätzlich zum Stundenlohn ausgezahlt», sagt Philipp Antoni, Mitbegründer von notime. Im März liess die Firma verlauten, künftig sämtliche Kuriere in reguläre Anstellungsverhältnisse einzubinden. Bis zum 1. Oktober sollen die neuen Arbeitsverträge unterzeichnet werden, sagt Antoni: «Wir fanden eine Lösung, die sehr gut funktioniert.» Gleichzeitig betont er: «Die Flexibilität der Fahrer soll erhalten bleiben.» So sollen KurierInnen etwa weiterhin Bereitschaftsdienst leisten, dabei aber besser entlöhnt werden. Man darf also gespannt sein.

Raphael ­Albisser

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