Der «Frauenkongress» des SGB – von Frauen organisiert, von Frauen geleitet – ist zum «feministischen Kongress» geworden. Diese fünfzehnte Ausgabe brachte Stimmen aus unterschiedlichen aktivistischen Strömungen ins Gespräch und verknüpfte die Klassen-, Geschlechter- und Rassismusfragen. So können Analyse und Engagement dort entstehen, wo viele Kämpfe aufeinandertreffen: für eine gleiche, gerechte und solidarische Gesellschaft.

Vania Alleva, Vizepräsidentin des SGB, sagt:

Gerade in Zeiten, wo die Rechte von Frauen und Minderheiten weltweit von rechten Kräften angegriffen werden, setzen wir uns kompromisslos für mehr Gleichstellung ein. Es braucht Druck von unten, in den Betrieben, auf der Strasse. Nichts ist für immer errungen oder geschenkt, am allerwenigsten die Gleichstellung. Wir müssen uns organisieren und Frauen und Minderheiten für die Gewerkschaftsarbeit gewinnen.

Schluss mit sexuellen Belästigungen!

Agota Lavoyer, Expertin für sexualisierte Gewalt, nannte in ihrem Vortrag erschreckende Zahlen: 97 % der Frauen sind Opfer sexueller Belästigung im öffentlichen Raum. Jede zweite Arbeitnehmerin hat Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. In 95 % der Fälle sind es Männer, die Übergriffe begehen. «Worum geht es genau? Um Gesten, Witze, Mimik, unerwünschte Berührungen bis zu sexuellen Übergriffen. Gleiche Erfahrungen wie Frauen machen auch nonbinäre und transsexuelle Personen.» Dieser Sexismus entspringt einer fest verankerten Erzählung: Der Mann dominiert, die Frau ordnet sich unter.

Am Arbeitsplatz ist es viel schwieriger beziehungsweise nicht möglich, der belästigenden Person aus dem Weg zu gehen, sie zu ignorieren, den Kontakt abzubrechen. Die betroffene Person kann nicht einfach weg und beispielsweise nie mehr an einer Teamsitzung teilnehmen oder künftig keinen Kontakt mehr mit einer belästigenden vorgesetzten Person haben. Das wiederum gibt der belästigenden Person noch mehr Macht.

Rechtsanwältin Céline Moreau setzt sich täglich für Menschen ein, die von Gewalt und Belästigung betroffen sind. In ihrem Plädoyer betonte sie die Bedeutung der Ausbildung von Richter:innen und einer wesentlich «schmerzhafteren» Regulierung. «Unser Strafrecht basiert auf Wiedergutmachung – dabei sollte Abschreckung im Vordergrund stehen. Es sollte ein Unternehmen sehr teuer zu stehen kommen, wenn es solches Verhalten erlaubt und durchgehen lässt.»

Die Schweiz hat das Übereinkommen Nr. 190 der Internationalen Arbeitsorganisation immer noch nicht ratifiziert – es stellt das Recht jedes Menschen auf eine Arbeitswelt ohne Gewalt und Belästigung fest. Entsprechend haben die Gewerkschafterinnen Resolutionen für mehr Instrumente gegen geschlechtsbezogene und sexuelle Gewalt verabschiedet.

Wir sind immer noch nicht weiter

Lohnunterschiede und Lohndiskriminierung bleiben offenbar ewig auf der politischen Agenda. «Ich kann nicht einmal sagen, dass dies beschämend ist. Es ist viel mehr: Es fehlt ganz klar am politischen Willen, sich mit diesem Thema zu befassen. Auch wenn es ein Gleichstellungsgesetz gibt, in dem die Lohngleichheit ausdrücklich festgehalten ist», sagt Jane Bossard, Jugend- und Gleichstellungssekretärin bei syndicom.

Noch immer verdienen Frauen im Schnitt pro Monat 1364 Franken weniger als Männer! Über das ganze Erwerbsleben gesehen beträgt die Lohndifferenz sogar 43,2 %. «Weil Frauen den Hauptanteil an unbezahlter Care-Arbeit leisten – auf Kosten ihres Einkommens. Sie arbeiten also meist Teilzeit und häufiger in Branchen mit Tieflöhnen, wie Reinigung, Gastronomie oder Detailhandel», sagt Jane Bossard weiter.

Die Massnahmen für mehr Lohngleichheit in den Betrieben genügen nicht. Auch weil nur 0,8 Prozent aller Unternehmen in der Schweiz überhaupt Analysen der Lohngleichheit durchführen müssen. Und weil es bei Verstössen keine Sanktionen gibt.

Der Feministische Kongress des SGB forderte einen Mindestlohn von 5000 Franken für Berufstätige mit Lehre, einen 13. Monatslohn für alle und konsequente Massnahmen gegen Lohndiskriminierung in den Unternehmen. Eine Resolution fordert ausserdem, dass unbezahlte Arbeit als Berufserfahrung für den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt anerkannt wird.

Gewerkschaftsarbeit an der Basis

Die Interventionen, Resolutionen und Änderungsanträge, die an beiden Tagen diskutiert wurden, zeigten eine Gewerkschaftsbewegung, die sich eng an den Anliegen von Frauen und LGTBQIA+-Personen orientiert: Gesundheitsschutz, Löhne, unbezahlte Arbeit, Renten, Alter, Kinder, Migration, Klima, Sicherheit am Arbeitsplatz und so weiter.

«Wir müssen alle Arbeitnehmerinnen mobilisieren, für ihre Rechte einzustehen. Wir müssen die Frauen für die Sache gewinnen», sagt Michela Bovolenta, Zentralsekretärin VPOD und Galionsfigur des 14. Juni, dem Datum, das nun für immer mit der Farbe Lila verbunden wird. 2027 wird die Mobilisierung für den feministischen Streik am 14. Juni noch grösser sein.

Ruth Dreifuss hielt eine Hommage an Christiane Brunner, die grosse Gewerkschafterin, und erinnerte an ihr unermüdliches Engagement nah an den Lebensumständen und Sorgen der Frauen.

In der heutigen politischen Krise ist es wichtiger denn je, sich an Christiane ein Vorbild zu nehmen. Sie sagte, man müsse glücklich sein, um eine Wirkung zu haben, und dass im Kampf eine Quelle der Freude liege. Schliessen wir uns also zusammen und kämpfen wir gemeinsam!

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