«Ich will mir eine Schweiz ohne SRG gar nicht vorstellen»
Die SRG gilt wegen ihrer Grösse und ihres vielseitigen Angebots als eine der wichtigsten Karriereschmieden für junge Journalist:innen. Wie blickt der Nachwuchs im Schweizer Journalismus auf den drohenden Kahlschlag? Ein Gespräch mit den Co-Präsidentinnen der Jungen Journalistinnen und Journalisten Schweiz (JJS) Anna Nüesch und Linda Leuenberger.
Text: Salim Staubli
Foto: Elena Kropf
Mit welchen Gefühlen blickt ihr auf die bevorstehende Halbierungsinitiative?
Linda: Mit Bauchweh. Wenn die SRG derart sparen muss, wie es die Initiative vorsieht, vernichtet das zahllose Ausbildungs- und Berufseinstiegschancen für junge Medienleute.
Welche Bedeutung hat die SRG denn für die Karriere junger Journalist:innen?
Anna: Die SRG ist mit ihren Praktika und Ausbildungsprogrammen, wie dem journalistischen Stage, sowie als grosse Arbeitgeberin ein wichtiger Pfeiler für den Einstieg junger Medienschaffender in die Branche und ihre berufliche Entwicklung. Gerade in den französischen, italienischen und romanischen Sprachregionen ist es eine der wenigen Möglichkeiten überhaupt, journalistische Erfahrungen zu sammeln.

Habt ihr Mitglieder, die bei SRF arbeiten? Wenn ja, welche Erfahrungen machen sie dort, was Anstellungsbedingungen und Perspektiven anbelangt?
Anna: Ja, wir stehen immer wieder in Kontakt mit Praktikant:innen oder jungen Festangestellten. Bei Letzteren lässt sich sagen: der Spardruck nimmt bereits jetzt spürbar zu, und damit der Stress, mit weniger Ressourcen weiterhin gute Arbeit zu leisten. Das drückt auf die Stimmung. Viele sind besorgt um ihre berufliche Zukunft.
Linda: SRF galt lange wie selbstverständlich als das einzige (noch) nicht sinkende Schiff im Vergleich zu privaten Medienhäusern. Wer es zum SRF schafft, so dachte man, hat gute Chancen, im Beruf vorwärtszukommen. Diese langjährige Selbstverständlichkeit bröckelt nun.
Der Stellenabbau bei der SRG ist bereits jetzt massiv – auch ohne Halbierungsinitiative. Offene Stellen werden meist nur noch intern ausgeschrieben. Es gibt zwar noch die Möglichkeit, Praktika zu machen, doch danach ist oft Schluss. Schlägt das auf die Motivation eurer Mitglieder, weiterhin im Journalismus zu bleiben?
Linda: Klar. Der Wettkampf um wenige Stellen ist hart, selbst um jene Jobs ohne Aussicht auf eine Anstellung. Gute Arbeit wird nicht unbedingt belohnt. Das nagt. Die Motivation unter jungen Journis ist aber immer noch erstaunlich hoch. Es ist eher die Realität, an der die Berufswünsche zerschellen. Man muss ja Rechnungen zahlen, Miete, Krankenkasse. Irgendwann ist man gezwungen, auch ausserhalb des Journalismus Jobs zu suchen. Wir merken: die Branche spuckt einen aus, egal wie motiviert man ist.
Sind Sparmassnahmen im Journalismus generell ein wichtiger Grund, warum junge Journalist:innen ihrem Beruf den Rücken kehren?
Anna: Die Sparmassnahmen und alles, was sie mit sich bringen, sind zentral. Jobs für junge Journalist:innen werden zahlenmässig weniger, härter umkämpft, schlechter bezahlt und dürftig betreut. Und vor allem: Die Zukunft ist ungewiss, die Perspektiven schwinden. Die meisten Ausbildungsverträge laufen ohne Anschlusslösung aus.
Warum ist das Weiterbestehen der SRG aus eurer Sicht zentral?
Linda: Ich will mir eine Schweizer Medienbranche ohne SRG ehrlicherweise gar nicht vorstellen. Wir brauchen sie dringend als Arbeitgeberin und Ausbildnerin, und vor allem brauchen wir sie als Massenmedium: für soliden, niederschwelligen Journalismus, der verschiedene Bevölkerungsgruppen erreicht.