«Wenn der Staat nicht reguliert, geben die Tech-Unternehmen die Regeln vor»
Der Tessiner Journalist Bruno Giussani, Spezialist für digitale Kultur und ehemaliger europäischer Direktor der TED-Konferenzen, hat vor Kurzem das Buch «Der belagerte Geist» über künstliche Intelligenz (KI) veröffentlicht. Darin schreibt er darüber, wie KI unsere Leben, unsere Berufe und unsere Arbeitsbedingungen beherrscht. Ein Gespräch.
Interview: Giovanni Valerio
Foto: YBD
Welche Auswirkungen hat künstliche Intelligenz auf die Arbeitnehmenden und auf den Arbeitsmarkt?
Die Angst ist spürbar, aber niemand weiss wirklich, in welche Richtung es geht. Die Signale sind widersprüchlich. Neben Prognosen zu massiven Jobverlusten vor allem bei Einstiegspositionen steht der Stellenabbau, der mit dem Einsatz von KI begründet wird. Gleichzeitig geben die meisten Unternehmen an, kaum Produktivitätsgewinne durch KI zu erzielen, weisen aber auf hohe Kosten hin.
Ganz klar ist hingegen: Mit den neuen Möglichkeiten, die KI bietet, werden wir erleben, dass sich die Arbeit beschleunigt und Prozesse und Abläufe umgestaltet werden.
Was geschieht wirklich?
Die Bedrohung ist subtil. Es werden nicht nur Berufe verschwinden, sondern jede:r wird Veränderungen in Teilen seiner Arbeit feststellen. Unsere Berufe – vom Journalismus bis zur Zustellung – bestehen aus mehreren Funktionen. Einige davon können automatisiert werden. Die zentrale Botschaft der Tech-Giganten lautet: Mühsame, repetitive und sinnentleerte Tätigkeiten sollen reduziert werden. Und KI soll genutzt werden, um die Arbeit angenehmer, weniger belastend und kreativer zu machen.
Alles scheint aber in die gegenteilige Richtung zu gehen …
Jede Technologie verändert die Praktiken in der Branche, in der sie angewendet wird. Aber sie verändert nicht deren Dogmen, das heisst in unserem Wirtschaftssystem die Profitmaximierung und Minimierung der Kosten, insbesondere der Lohnkosten. Hauptsächlich dafür wird KI eingesetzt werden. Es sei denn, wir gestalten KI aktiv so, dass sie dem Wohl aller dient.
Wie?
Erste Anzeichen von aktivem Widerstand sind erkennbar. An Abschlussfeiern in den USA beispielsweise buhen Studierende Redner:innen aus, die über KI sprechen. Gemeinden wehren sich gegen den Bau von Datenzentren. Oder es werden rechtliche Schritte unternommen, um der KI Beschränkungen aufzuerlegen. Auch in Unternehmen wird KI von Angestellten sabotiert, die z.B. absichtlich falsche Daten eingegeben.
Moderne Ludditen also?
Da müssen wir klären, wer die Ludditen waren. Das waren englische Textilarbeiter des frühen 19. Jahrhunderts, die gegen die Einführung von Maschinen protestierten, oft indem sie die neuen Geräte zerstörten, aus Angst, diese könnten ihre Arbeitsplätze ersetzen. Aber – und diese Nuance wird gerne ignoriert – sie lehnten Fortschritt an sich nicht ab. Sie wehrten sich gegen Fortschritt, der sorgfältige Arbeit und die Produktion von Qualitätsgütern verdrängte, also gegen eine Massenproduktion von minderwertigen Waren am Fliessband.

Was kann die Politik unternehmen?
Sie muss aufhören, den Behauptungen der KI-Industrie blind zu folgen oder so zu tun, als ob nichts wäre. Wir brauchen eine Industriepolitik: Wir müssen Technologien selbst herstellen, anstatt Modelle aus den USA zu übernehmen. Es braucht durchdachte Regeln. Die weit verbreitete Auffassung, dass Regulierung Innovation und Wirtschaftswachstum bremst oder verhindert, ist sehr eng. Wenn der Staat nicht reguliert, geben die Tech-Unternehmen die Regeln vor. Diese sind in der Software selbst angelegt und die Software bestimmt, was möglich ist und was nicht. Die Regeln finden sich in den Lizenzen, Moderationsverfahren und Nutzungsbedingungen. Wenn gesagt wird, ohne Regeln sei es wie im Wilden Westen, dann trifft das genau zu. Es ist nicht so, dass es keine Regeln gibt: Aber es gelten die Regeln derjenigen, die am wenigsten Skrupel haben und am schnellsten zur Waffe greifen. Das heisst, diejenigen mit der meisten Macht bestimmen: die grossen Technologieunternehmen also.
Oft ist von digitaler Souveränität die Rede. Was bedeutet das konkret für die Bürger:innen und Arbeitnehmenden in der Schweiz?
Wie alle europäischen Länder ist die Schweiz stark abhängig von US-Technologien. Rund 75 bis 80 Prozent aller digitalen Systeme, die Unternehmen, Verwaltungen oder Private nutzen, stammen aus den USA. Es handelt sich nicht mehr um Produkte, die man kauft und benutzt, wie man will, sondern Plattformen. Bei diesen Plattformen handelt es sich um eine technologische Architektur, in der wir leben und arbeiten, und die vieles bestimmt: Die gefilterten Informationen, die wir in den Feeds der sozialen Medien erhalten, oder die Art der Antworten von ChatGPT können unser berufliches und gesellschaftliches Leben auf unvorstellbare Weise beeinflussen und kontrollieren.
Das ist aus vielerlei Gründen problematisch. Nennen wir nur zwei davon. Der eine ist praktischer Art: Wir nähern uns einer Zukunft, in der fast alle wichtigen (wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen) Aktivitäten über diese Plattformen laufen. Wer das eigene Geschäftsmodell, die Prozesse, seine operative Tätigkeit und die öffentliche Debatte von Technologien abhängig macht, die von Dritten kontrolliert werden, bringt sich in eine sehr verletzliche Position.
Der andere Aspekt ist politisch: In den USA verschmelzen Macht der Algorithmen von Big Tech und politische Macht. Die Technologie, die wir nutzen, wird zu einem Instrument zur Ausübung amerikanischer Macht in der Welt.
Hier kommt der Begriff der digitalen Souveränität ins Spiel – das heisst der Fähigkeit, die Kontrolle über unsere Daten und Prozesse und die Integrität unserer Systeme zu wahren. Aber auch weiterhin frei zu sein in der Entscheidung, wie wir uns in einer immer stärker technologisch bestimmten Zukunft verhalten und diese gestalten werden. Dieses Prinzip gilt auch für den Einzelnen: Digitale Souveränität als Fähigkeit, «nein» zu sagen zur Überwachung, Transparenz zu fordern beispielsweise über die Kriterien, die eine KI bei der Selektion für eine Stelle oder eine Hypothek nutzt.
Wie weit sind wir in der Schweiz? Reicht die KI-Regulierung aus?
Wir haben einige Privacy-Bestimmungen, aber sind sonst fast überall im Rückstand. Die Europäische Union versucht, einen Rechtsrahmen für diese Technologien zu schaffen – nicht immer auf ideale Weise, aber das Engagement ist da. Bei uns ist es nicht so. Ermutigend ist aber, dass sich in den letzten Monaten auf politischer Ebene etwas getan hat. Die Frage wurde in der Bundesversammlung beraten, beispielsweise mit der Motion von Nationalrätin Isabelle Chappuis für den Aufbau einer souveränen digitalen Infrastruktur oder der Motion von Ständerätin Heidi Z’graggen für ein entsprechendes Impulsprogramm. Ende letzten Jahres hat der Bundesrat zudem einen Bericht zur digitalen Souveränität verabschiedet.
Wie sollen wir uns verhalten, um uns zu «verteidigen», um der KI zu widerstehen?
In meinem Buch spreche ich von «Technologischem Widerstand». Das heisst nicht, die Technologie zu verweigern, sondern sie bewusst, wachsam und mit kritischer Distanz einzusetzen. Künftig wird es nicht mehr viele Tätigkeiten geben, die nicht direkt oder indirekt mit KI zu tun haben. Wir müssen deshalb – einfach gesagt – lernen, diese Technologien zu nutzen. Das reicht aber nicht aus. Wir müssen auch verstehen, was sie eigentlich sind, weshalb sie funktionieren, wie sie funktionieren, wie und in welchem sozioökonomischen Kontext sie entstanden sind, welche Sichtweise auf die Welt sie vermitteln, wer sie kontrolliert. Das ist eine echte Anstrengung, aber sie ist nötig, damit wir diese Technologien nutzen können, ohne dass wir benutzt werden.
Was müssen die Gewerkschaften unternehmen?
Sie sollten sich nicht mehr nur auf die Verteidigung der Arbeitsplätze konzentrieren, sondern anfangen, die Neudefinition von Arbeit selbst zu begleiten. KI und algorithmische Technologien werden tiefgreifende Auswirkungen mit sich bringen. Aber es geht nicht nur darum, dass Arbeitnehmende durch technologische Systeme ersetzt werden könnten. Wir stehen vor einem grossen Wandel der Berufe, Rollen, Unternehmensstrukturen, kreativen und produktiven Prozessen sowie wirtschaftlichen und unternehmerischen Spielregeln. Kurz gesagt: Wir wollen eine KI, die den Menschen dient, und keine Menschen, die der KI dienen. Aber das ergibt sich nicht von selbst. Ohne gezielte und koordinierte Anstrengung ist es kaum wahrscheinlich, dass sich KI auf sichere, vorteilhafte und gemeinwohlorientierte Weise entwickeln kann. Das wirft umfassende Fragen auf: Transparenz, Bildung, Automatisierungsprozesse, Freiheit und Kontrolle, Verteilung des geschaffenen Werts, rechtliche Rahmenbedingungen, Haftung. Eine riesige Baustelle, die bereits im Gange ist. Wir müssen uns jetzt engagieren.
Ist es nicht bereits zu spät? Politische Prozesse dauern bekanntlich lange …
Das stimmt. Die Technologie entwickelt sich rasend schnell, wir sind im Rückstand. Aber wenn wir jetzt nicht handeln, wird die Lücke immer schwieriger zu schliessen sein. Ich möchte mit einer Überzeichnung antworten, die die Situation gut beschreibt: Wenn wir nichts unternehmen, werden wir in einer Welt wie in Star Wars mit autoritären Technokratien und einer hierarchischen und repressiven Ordnung leben. Stattdessen sollten wir uns eine Zukunft wie in Star Trek vorstellen und verwirklichen – eine harmonischere Welt, in der sich die Technologie an menschlichen und demokratischen Werten orientiert und zur Emanzipation und zum gemeinsamen Wachstum beiträgt.

Bruno Giussani, «Der belagerte Geist: Wie man sich im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz nicht manipulieren lässt», Scheidegger & Spiess. (Erscheint im September 2026)