KI droht die Medienlandschaft auszutrocknen
Ob Bild, Ton, Video oder Text: KI-generierte Inhalte fluten das Netz in atemberaubendem Tempo und lassen damit die eigentlichen Quellen in der Medienlandschaft versiegen.
Text: Salim Staubli und Anna Stahl
Illustration: aldine.ch
Grosse Teile der Bevölkerung werden künftig KI-Chatbots nutzen, um sich über Nachrichten und News zu informieren. Bereits heute liefern Chatbots wie Gemini oder ChatGPT globale Echtzeitnachrichten und tun damit, was bislang Print, Radio und Fernsehen vorbehalten war.
Das stellt die Medienbranche vor komplett neue Herausforderungen, etwa in Bezug auf Qualität, Urheberrechtsschutz, Sichtbarkeit – und letztendlich auch in Bezug auf die Arbeitswelt. Denn mehr Newskonsum über KI bedeutet weniger Newskonsum auf den Plattformen der Medienunternehmen und dadurch weniger Einnahmemöglichkeiten, worauf viele Medienhäuser mit Sparmassnahmen reagieren.
Die Medienbranche wird als Folge der KI-Revolution also einen tiefgreifenden Umbruch ihrer bestehenden Geschäftsmodelle erfahren. Doch konkrete Szenarien und Lösungsansätze sind bislang rar. Das sorgt in der Branche für Verunsicherung, etwa unter jungen Medienschaffenden, die sich um ihre berufliche Perspektive sorgen.
So verfolgt auch der Verband der jungen Journalistinnen und Journalisten Schweiz aktuelle Entwicklungen rund um KI aufmerksam. Aus Sicht von Co-Präsidentin Olivia Ruffiner befindet sich die Medienbranche an einem kritischen Wendepunkt:
Die Markenloyalität von Leser:innen sinkt seit Jahren. Wenn jetzt auch KI mitmischt, kann es in die eine oder andere Richtung gehen.
Soll heissen, Medienhäuser und Verlage müssen fortan noch stärker auf Vertrauensbildung, publizistische Vielfalt und Artikel menschlichen Ursprungs setzen, um ihre Abozahlen zu halten.
Zugute kommt ihnen dabei, dass die Bevölkerung KI-generierten News durchaus skeptisch gegenübersteht und wünscht, dass die redaktionelle Verantwortung fest in der Hand von Menschen bleibt. Zu diesem Schluss kommt der kürzlich erschienene «Digital News Report 2026» des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög). Gleichzeitig verschärft sich aber die «Zero-Click-Problematik». So zeigen weitere Studien, dass Nutzer:innen von Suchmaschinen wie Google in über 70% der Fälle nicht auf die Originalquelle klicken. Bei Suchergebnissen von KI-Chatbots sind es sogar über 99%.
Aktuell ist der Bevölkerungsanteil in der Schweiz, welcher KI-generierte News konsumiert, noch überschaubar. Aber sollten KI-Chatbots künftig für breite Bevölkerungskreise zum selbstverständlichen Nachrichtenportal werden, dürfte der Schaden für den Journalismus und auch für die Kreativbranche weiter zunehmen – bis zum vollständigen Kollaps der Geschäftsmodelle.

Redaktionen im KI-Dilemma
Künstliche Intelligenz stellt Medienunternehmen nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern auch auf redaktioneller Ebene vor immense Herausforderungen. Einerseits verspricht der gezielte Einsatz von KI in Bereichen wie Übersetzung, Recherche oder Bildbearbeitung durchaus eine Arbeitserleichterung. Andererseits hat der Einsatz generativer KI einen Einfluss auf das Vertrauen in journalistische Medien – zum Beispiel, wenn er nicht deklariert wird oder sich Fehler einschleichen. «Fragen der Transparenz beim Einsatz von KI werden uns noch stark beschäftigen, auch im Rahmen der Selbstregulierung in der Branche», erklärt Camille Roseau, Co-Präsidentin des Verbands Medien mit Zukunft (VMZ).
Was ist journalistische Arbeit heute, welchen Wert hat verlässliche Information? Diese Fragen muss die Branche gemeinsam mit dem Bund klären, wenn der Qualitätsjournalismus in der Schweiz gewährleistet bleiben soll.
Kreativberufe am stärksten betroffen
Die Frage nach dem Wert der Arbeit stellt sich insbesondere auch in der Kreativbranche. Illustrator:innen, Grafiker:innen oder Fotograf:innen leiden bereits seit den Anfängen von KI massiv unter deren Folgen, haben sich KI-Systeme doch innert kürzester Zeit an urheberrechtlich geschützten Bildern und Texten bedient, um daraus einen neuen Markt zu kreieren. Währenddessen ist es für Auftraggeber:innen heute schneller und bequemer, für einen Flyer oder das Webseitendesign auf Bildgeneratoren statt auf professionelle Kreativschaffende zurückzugreifen. Dass diese deshalb um ihre Jobs bangen müssen und es eine von «AI-Slop» (deutsch: KI-Schrott) überschwemmte Gesellschaft ohne kreative Schöpfungen kritisch zu hinterfragen gilt, ist bis jetzt noch nicht ins gesellschaftliche und politische Bewusstsein vorgedrungen.
Was syndicom fordert
Die rasante Entwicklung von KI und die damit einhergehenden Herausforderungen für die Medienlandschaft und die Kreativbranche schreien förmlich nach klareren Regeln. Für Stephanie Vonarburg, Vizepräsidentin von syndicom, ist klar:
Um Urheberrechte, Qualität und Jobs zu verteidigen, muss die Branche wo immer möglich KI-Regulierungen aktiv mitgestalten und mitverhandeln.
Zugute kommt der Branche, dass Vertreter:innen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite punkto KI keine gegenläufigen Interessen vertreten. Vielmehr sollten sie jetzt zusammenspannen. Und die grösste Chance für Medien- und Kreativschaffende liegt vielleicht darin, dass ein mit AI-Slop und künstlich generierten Fake News überschwemmtes Internet die Unsicherheit darüber, was wahr und was falsch ist, wachsen lässt – und damit auch das Bedürfnis nach menschlichen Profis, die schreiben, recherchieren und gestalten.
AI Act EU und KI-Konvention
Auf europäischer Ebene sind als Antwort auf KI und ihre Gefahren Regelwerke wie die «KI-Konvention» des Europarats oder der «AI Act» der EU entstanden. Beide sollen dem Schutz von Mensch, Demokratie und Grundrechten vor den Risiken Künstlicher Intelligenz dienen, unterscheiden sich jedoch in ihrer Verbindlichkeit und Reichweite. Den AI Act will der Bundesrat derzeit nicht übernehmen. Die Konvention hingegen hat die Schweiz ratifiziert und ist dabei, ein entsprechendes Massnahmenpaket zu entwickeln. Bis Ende 2026 soll eine Vernehmlassungsvorlage zur Umsetzung der Konvention erstellt werden. Derzeit empfiehlt der Bundesrat, individuelle Branchenlösungen zu entwickeln.