Seit Anfang Jahr häufen sich Stellenstreichungen in der globalen Tech-Branche in enormem Ausmass: Der US-Zahlungsdienstleister Block startete das Jahr mit der Entlassung von mehr als 40 Prozent seiner Belegschaft. Der Hardwarehersteller Oracle baut rund 30 000 Stellen ab. Amazon entlässt erneut 16 000 Mitarbeitende, nachdem der Onlinehandel-Gigant bereits im Oktober 2025 14 000 Kündigungen sprach. Der Facebook-Mutterkonzern Meta seinerseits streicht 8000 Stellen. Und zuletzt kündigte auch Microsoft die Streichung von fast 5000 Stellen an, nachdem es dort bereits letztes Jahr zwei grosse Entlassungswellen gab.

Man könnte noch zahlreiche weitere Beispiele nennen. Klar ist: die aktuellen Entwicklungen stehen in starkem Zusammenhang mit dem spekulationsgetriebenen Wachstum Künstlicher Intelligenz, auch wenn die Tech-Unternehmen in ihren Entlassungsschreiben lieber von «Umstrukturierungen» sprechen.

So wächst bei den Belegschaften verständlicherweise nicht nur die Angst, sondern auch der Unmut. In Foren, Blogs und in den Sozialen Medien berichten Beschäftigte, dass sie ohne ernsthafte Wahlmöglichkeit in Aufgabenbereiche versetzt wurden, die als repetitiv oder wenig wertschätzend empfunden werden.

Neu geben «Agenten» den Takt vor

Eine Tech-Angestellte, die anonym bleiben will, berichtet uns, dass sich die Arbeitsbedingungen seit Anfang dieses Jahres drastisch verändert haben. Ingenieur:innen und Programmierer:innen haben praktisch von heute auf morgen aufgehört, Code von Hand zu schreiben. Die Arbeit hat sich auf die Befehlsebene verlagert, wo es nun darum geht, sogenannte «Agenten», das sind autonome Softwareprogramme, mit Aufgaben zu versorgen und deren Output zu kontrollieren. Mittlerweile sind diese Agenten in der Lage, selbständig Code zu schreiben, Fehler im Code zu korrigieren, diesen zu testen, bei Bedarf erneut zu korrigieren, um so automatisch zum erklärten Ziel zu gelangen. Die Agenten werden zunehmend so trainiert, dass sie sich erst dann bei ihrer menschlichen Aufsichtsperson melden, wenn deren Eingreifen zwingend erforderlich ist.

Wie verheerend sich solche vollautomatisierten KI-Prozesse auswirken können, zeigte sich diesen Sommer, als bekannt wurde, dass eine KI von Anthropic bei einem Testlauf in die Systeme echter Firmen eindrang, obwohl das nicht ihr erklärtes Ziel war.

Raub an Arbeit und geistigem Eigentum

Die Schilderungen von Tech-Mitarbeitenden in sozialen Netzwerken machen deutlich: es findet eine Verlagerung vom Menschen zur Maschine statt. Mitarbeiter:innen erstellen Agenten und damit automatisierte Prozesse, die wiederum andere intelligente Systeme generieren und trainieren, die ihrerseits neue Software programmieren.

Die dadurch gewonnene Effizienzsteigerung ist fraglich. Kritische Tech-Mitarbeitende sind der Auffassung, dass die Qualität des von den Agenten erstellten Codes klar unter der Qualität handgeschriebenen Codes liegt und dass dadurch Fehler später mit einem höheren Zeitaufwand wieder behoben werden müssen. Nur einer von vielen Teufelskreisen im KI-Kontext. Microsoft, Meta, Google und andere grosse Monopolunternehmen sind Opfer ihrer eigenen Entwicklung geworden und müssen diese fortsetzen, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen. Die Beschäftigten werden nicht mehr für ihr Wissen und ihre Kompetenzen bezahlt, sondern dazu gezwungen, ihren Wissensschatz durch das Trainieren von KI an das Unternehmen abzugeben. Das wiederum wirft zweifellos Fragen zum Umgang mit Urheberrechten und geistigem Eigentum auf.

In einem Interview erklärte Meta-Besitzer Mark Zuckerberg Anfang des Jahres: «Aufgaben und Projekte, für die früher grosse Teams erforderlich gewesen wären, werden nun von einer einzigen, hochbegabten Person durchgeführt.» Im Grunde heisst das für die Beschäftigten, dass nur die besten Köpfe ihr Wissen an den Agenten weitergeben – ob «müssen» oder «dürfen» sei dahingestellt – und dass kaum noch Nachwuchs eingestellt wird. Verständlich also, fühlen sich viele Mitarbeitende aus der Tech-Branche ihrer Arbeit, ihrer Kompetenzen und ihres geistigen Eigentums beraubt. Gleichzeitig berichten Mitarbeitende, die bleiben «dürfen», dass sie viermal so viel Arbeit zu bewältigen haben wie zuvor. In den sozialen Netzwerken häufen sich entsprechende Berichte über Burn-outs und Kündigungen. Der Druck scheint für viele unerträglich geworden.

Missbrauchte Technologien

Zu den existenziellen Sorgen der Tech-Mitarbeitenden gesellen sich auch ethische. So werden etwa bei Meta Forschungsarbeiten, die ursprünglich für Videospiele oder das Meta­verse bestimmt waren, mittlerweile zweckentfremdet. So schloss Meta im vergangenen Jahr unter anderem einen Militärvertrag mit Anduril ab. Darin geht es um die Entwicklung von Nachtsichtbrillen und Augmented-Reality-Technologie für den Kriegseinsatz. Auch in anderen Unternehmen der Tech-Branche fällt es den Beschäftigten zunehmend schwer, zu erkennen, ob ihre Arbeit militärischen Operationen dient oder nicht. Bei syndicom nehmen die Anfragen zu diesem Thema von Mitgliedern aus der Tech-Branche zu.

Was syndicom fordert

Es lässt sich festhalten: Der Wandel von KI von einem Hilfsmittel zum autonomen Akteur sorgt in der Tech-Branche aktuell für eine gigantische Arbeitsmarkttransformation. Auf der einen Seite ermöglicht KI erhebliche Produktivitätsgewinne und schafft neue Möglichkeiten, was aus wirtschaftlicher Perspektive attraktiv erscheinen mag. Auf der anderen Seite droht ein immenser Arbeitsplatzabbau, sinkende Nachfrage nach Berufseinsteigern und die Entwertung bestimmter Qualifikationen. Ganz zu schweigen von den Umweltschäden, die KI verursacht, beispielsweise durch den enormen Energie- und Wasserverbrauch der Rechenzentren.

Die Gewerkschaften können innerhalb der stattfindenden Transformation nur auf denjenigen Forderungen beharren, die aktuell noch umsetzbar sind. An erster Stelle: Mitbestimmungsrechte sowie transparente Informationen über laufende Prozesse für alle Mitarbeitenden, nicht nur für Führungskräfte. Des Weiteren braucht es Schulungen und Weiterbildungen für alle Mitarbeitenden im Bereich neuer Technologien, ein Verbot von Leistungs- oder Verhaltenskontrollen durch Künstliche Intelligenz, keine Tätigkeitsentwertung, keine Haftungs- oder Verantwortungsprobleme für autonome Prozesse ohne Kontrolle. Zudem müssen die Produktivitätsgewinne den Arbeitnehmenden zugutekommen, also denjenigen, welche die Basis für KI und den damit verbundenen Wert schaffen und die Gewinne auch tatsächlich erwirtschaftet haben.

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