Journalist:innen weltweit unter Beschuss
Ob SLAPP-Klagen oder KI-Slop-Schwemme, gezielte Tötungen oder Cyberüberwachung und Prekarität: Überall auf der Welt wird der Journalismus angegriffen. Es ist eine aus den Fugen geratene Lage, geprägt vom Vormarsch der extremen Rechten, der digitalen Oligarchien, von autoritären Regimes mit zunehmend kriegerischen Tendenzen. Die dreihundert Teilnehmenden am Kongress der Internationalen Journalist:innen-Föderation IFJ versuchten Anfang Mai in Paris, Stopp zu sagen und eine kollektive Denkpause zu bieten.
Text: Federico Franchini, aus der Zeitung «Area»
Vier Tage lang, vom 4. bis zum 7. Mai 2026, war der Konferenzsaal des Novotel in Paris eine grosse «Patchanka» – ein wuseliges Gemisch aus Gesichtern, Sprachen, Farben und Trachten. Ein Mikrokosmos der Welt, der sich am Rande der französischen Hauptstadt mit einem einzigen grossen Ziel versammelt hat: den Journalismus zu schützen und die Bedingungen jener Menschen zu verbessern, die – überall auf der Erde – diesen für die Demokratie so unverzichtbaren Beruf ausüben, der jedoch ständig unter Druck, Gewalt und Kontrollversuchen leidet.
Dieses Jahr ist der Anlass ein besonderer: Gefeiert wurde das hundertjährige Bestehen der Internationalen Journalist:innen-Föderation (IFJ), die 1926 ebenfalls in Paris gegründet wurde. Eine Organisation, die heute 600’000 Medienschaffende in 187 Gewerkschaften in 148 Ländern vereint. Nur die Verbände der IJF sind berechtigt, den Internationalen Presseausweis an ihre Mitglieder auszustellen, wenn diese die Voraussetzungen erfüllen.
Dieses Jahr hat der Kongress in einem internationalen Umfeld stattgefunden, das dramatische Parallelen zu jenem vor einem Jahrhundert aufweist. Die Journalist:innen sehen sich einer Häufung von Krisen gegenüber: Kriege, autoritäre Tendenzen, wirtschaftlicher Druck auf die Medien, beschleunigte technologische Umbrüche. Die Veranstaltung hat Gewerkschaften aus der ganzen Welt versammelt, um eine gemeinsame Sicht auf den Beruf zu bekräftigen. Nebst der Wahl des Exekutivkomitees – unter dem Vorsitz der Peruanerin Zuliana Lainez, der ersten lateinamerikanischen Vorsitzenden der IFJ und der zweiten Frau in Folge in diesem Amt – haben die Delegierten Motionen zur Verteidigung sozialer Rechte sowie zur Konfrontation der Künstlichen Intelligenz verabschiedet.

Aktuelle Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Auf rechtlicher Ebene hat Generalsekretär Anthony Bellanger die Novellierung bestehender UNO-Resolutionen als absolute Priorität bezeichnet:
Sie reichen nicht mehr aus. Wenn Länder wie Israel oder Russland Journalist:innen schamlos ins Visier nehmen, müssen sie vor Gericht gestellt werden. Es braucht ein verbindliches Übereinkommen, das der Straflosigkeit endgültig ein Ende setzt.
Bellanger ging auch auf die schwierigste interne Herausforderung ein: das Kitten der Brüche zwischen den Gewerkschaften Nordeuropas, die zur Konzertierung neigen, und den lateinischen und südeuropäischen, die stärker einem kämpferischen Gewerkschaftsverständnis verbunden sind. Eine Spannung, die 2023 dazu geführt hat, dass acht Gewerkschaften aus der IFJ ausgetreten sind. «Sind wir gespalten, sind wir schwächer», sagte er unverblümt. Zur Künstlichen Intelligenz schliesslich rief er dazu auf, sowohl unkritische Begeisterung als auch grundsätzliche Ablehnung zu vermeiden. Die IFJ hat einen Rahmenvertrag ausgearbeitet, der Mindestgarantien festlegt: Transparenz gegenüber dem Publikum, Überprüfung der generierten Inhalte, Schutz der Arbeitsplätze. «Wenn wir die Qualität erhalten wollen, müssen wir die Journalist:innen erhalten», resümierte Bellanger.
Ein Hochrisikoberuf
Unweigerlich wurde auch die dramatische Lage thematisiert, in der sich Journalist:innen in einigen Teilen der Welt befinden. In Gaza, in der Ukraine, im Libanon, im Iran, in Mexiko, in Afghanistan – und die Liste liesse sich fortsetzen. Informieren ist mittlerweile ein Hochrisikoberuf. In den jüngsten Konflikten werden Journalist:innen gezielt anvisiert. In Gaza sind seit Oktober 2023 mehr als 220 Journalist:innen getötet worden. Auch deshalb ist die Wahl von Nasser Abu Bakr, dem Präsidenten der palästinensischen Journalist:innengewerkschaft, zum ersten Vizepräsidenten der IFJ besonders bedeutsam.
Libanesische Journalist:innen im Visier
Was die israelische Armee in Gaza getan hat, scheint sich nun im Libanon zu wiederholen, wie uns Elsy Moufarrej, Präsidentin der Gewerkschaft der libanesischen Journalist:innen, erklärt hat: «Die Lage ist äusserst gefährlich geworden. Journalist:innen sind nicht mehr nur den Risiken des Konflikts ausgesetzt: Sie werden zunehmend gezielt beschossen. Wir haben direkte Angriffe gegen klar erkennbar gekennzeichnete Journalist:innenteams, wiederholte Angriffe auf dieselben Orte sowie systematische Behinderungen der Rettungseinsätze dokumentiert.» Der Kongress der IFJ hat daraufhin eine dringliche Motion verabschiedet, in der die Einsetzung einer internationalen Untersuchungskommission gefordert wird. Für Elsy Moufarrej ist dies ein wichtiges politisches Signal:
Verbrechen gegen Journalist:innen dürfen nicht ohne Reaktion bleiben. Ohne eine strukturierte internationale Mobilisierung droht sich die Straflosigkeit dauerhaft festzusetzen.
Als Mitglied des nationalen Branchenvorstands Presse von syndicom hat Federico Franchini den Kongress begleitet. Dabei wurde auch ein Antrag zur Unterstützung des laufenden Kampfes in Biel angenommen, wo rund vierzig Personen ihren Arbeitsplatz beim Fernsehsender TeleBielingue zu verlieren drohen.