Zunehmende Arbeitsbelastung, wachsende Zentralisierung, drohender Stellenabbau: Es sind schwierige Zeiten für die 21 000 Mitarbeitenden von Logistik-Services, dem grössten Teilkonzern der Schweizerischen Post. Entsprechend gross sind auch die Herausforderungen für den syndicom Firmenvorstand von Logistik-Services, dessen Präsidium neu aus drei Personen besteht: dem bisherigen Präsidenten Patrick Savary sowie den beiden Neuzugängen Davide Ramundo und Corina Bearth. «Wir werden uns in unserem neuen Co-Präsidium auf schwierige Jahre einstellen müssen», erklärt Davide Ramundo, «aber ich denke, wir werden diese Herausforderungen meistern.»

Patrick Savary seinerseits freut sich, dass ihn nun zwei junge Menschen im Co-Präsidium ergänzen:

«Jemanden für ein ehrenamtliches Engagement zu finden, insbesondere ein Vorstandspräsidium, ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich.

Der Computer gibt den Takt vor

Getrübt wird Savarys Zuversicht allerdings von den aktuellen Entwicklungen bei der Post: «Ehrlich gesagt bin ich nicht sehr optimistisch, was die Zukunft unseres Sektors betrifft.» Savary, der auf 40 Jahre Berufserfahrung als Zusteller und 15 Jahre Präsidiumsarbeit im Firmenvorstand zurückblickt, weiss, wovon er spricht. Schliesslich hat er die Veränderungen der letzten Jahre und Jahrzehnte im Zustellungsbereich hautnah miterlebt: «Früher hatten wir viel mehr Freiheiten», sagt er, «heute aber bestimmen nicht mehr wir Zusteller:innen die Route, sondern eine KI.» Dieser Strukturwandel bei der Post beunruhigt ihn sehr: «Der Mensch spielt darin keine wirkliche Rolle mehr», meint er. Was zählt, sei die vorgesehene Zeit pro Zustellung – und die würde halt vom Computer bestimmt. «Als Paket- und Briefzusteller:innen müssen wir uns an diese vorgegebenen Zeiten halten, aber oftmals sind sie völlig absurd und unzureichend», kritisiert Savary.

Kommt hinzu: Durch die Schliessung der regionalen Verteilstellen und die wachsende Zentralisierung in den grossen Verteilzentren, werden die Fahrtzeiten immer länger. Routen von 100 Kilometern am Tag sind mittlerweile Standard. Dadurch verbringen die Zusteller:innen viel mehr Zeit auf der Strasse als mit der eigentlichen Zustellung.

Ein zentrales Thema, auch für die beiden neuen Co-Präsident:innen Davide Ramundo und Corina Bearth. Die langen Touren seien in vielerlei Hinsicht eine grosse Herausforderung, erklärt Bearth, die als stellvertretende Teamleiterin im Logistikzentrum Märwil tätig ist: «Man muss sich vorstellen: wir haben keine Toiletten, wir haben nur Wälder. In einigen Dörfern gibt es dafür immerhin noch ein Restaurant, doch auch die werden bekanntlich immer weniger.»

Davide Ramundo, der als Paketzusteller arbeitet, pflichtet ihr bei: «Was uns besonders stört, ist, dass der Konzern nicht so richtig wahrhaben will, wie unser Alltag in der Zustellung tatsächlich aussieht – das Einzige, was er sieht, sind die Zahlen.»

Das neue Co-Präsidium des syndicom Firmenvorstandes von Logistik-Services: Corina Bearth, Patrick Savary und Davide Ramundo.

Pakete werden immer schwerer

Was Ramundo anspricht, ist die hohe Arbeitsbelastung – gerade auch in der Paketzustellung. Dort gehören schwere Pakete mittlerweile zum festen Bestandteil jeder Lieferfahrt. Eine Entwicklung, die ihren Ursprung in der Pandemie genommen habe, erklärt Patrick Savary: «Während Corona mussten wir plötzlich Säcke mit Kies, Zement und so weiter ausliefern. Wir dachten, das sei nur vorübergehend – aber dann haben die Leute immer weiter bestellt.»

Inzwischen müssen Paketzusteller:innen teilweise Lasten von 30 bis 40 Kilo tragen, was die Empfehlungen der Suva, der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt, klar übersteigt. Diese empfiehlt ein Maximalgewicht von 25 Kilo für Männer und 15 Kilo für Frauen. «Früher wäre es undenkbar gewesen, dass Paketbot:innen Bettgestelle ausliefern müssen», meint Savary, «aber jetzt ist das ganz normal.» Eine Entwicklung, die ihm grosse Sorgen bereitet, gerade auch mit Blick auf die psychischen und körperlichen Probleme, die sie mit sich bringt:

Früher hörte man selten von Burnouts oder Rückenproblemen. Heute leiden viele unserer Mitarbeitenden unter chronischen Erkrankungen.

Der daraus resultierende Personalmangel und die generell überdurchschnittliche Fluktuation stellen den ganzen Sektor vor noch grössere Herausforderungen. Die Belastung wird von Jahr zu Jahr grösser. Und irgendwann sei es eben einfach zu viel, gibt Savary zu bedenken.

Auch der Lohn beschäftigt

Die hohe Arbeitsbelastung ist aber nur ein Teil des Problems. Nachholbedarf sieht Paketzusteller Davide Ramundo auch beim Thema Lohn. Dieser sei in den unteren Lohnstufen klar zu niedrig:  «Es kann ja nicht sein, dass Angestellte bei der Post noch einen zweiten oder dritten Job haben müssen, um überhaupt über die Runden zu kommen.» Zwar wirke die Post nach aussen hin als attraktive Arbeitgeberin, bezüglich des Lohns hinke sie der Konkurrenz aber um Welten hinterher.

Hoffnung auf substanzielle Verbesserung schöpft Ramundo in der Gewerkschaftsarbeit. «Ich glaube, ohne syndicom hätte die Post schon lange einen fundamentalen Kurswechsel vollzogen, etwa in Richtung 50-Stunden-Woche.» Davide Ramundo und Corina Bearth wollen sich hier in ihrer neuen Funktion dafür einsetzen, den gewerkschaftlichen Druck auf die Post aufrechtzuerhalten, ohne dabei die Kluft zwischen der Belegschaft und dem Konzern grösser werden zu lassen. Oder wie Bearch abschliessend festhält:

Ich denke, es sollte nun darum gehen, zusammenzuhalten und miteinander zu wirken – statt gegeneinander.

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