KI in den ICT-Branchen: Studie zu Auswirkungen auf Arbeitnehmende
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeit in den ICT-Branchen auch in der Schweiz. Eine von syndicom in Auftrag gegebene Studie zeigt, wie Mitarbeitende die Auswirkungen von KI auf Tätigkeiten, Kompetenzen und Arbeitsbedingungen wahrnehmen. Daraus hat syndicom einen Forderungskatalog für den sozialverträglichen Einsatz von KI abgeleitet.
Künstliche Intelligenz, kurz KI, verändert zunehmend auch Tätigkeiten, die bisher als schwer automatisierbar galten. Für die ICT-Branchen in der Schweiz ist diese Entwicklung besonders relevant: Unternehmen in der Telekommunikation, der IT (inkl. Big Tech), in Call- und Contactcentern und der Netzinfrastruktur entwickeln, integrieren oder betreiben digitale Technologien und KI-Anwendungen. Gleichzeitig setzen sie KI in den eigenen Arbeitsprozessen ein. Sie gestalten den Wandel damit mit und sind selbst von veränderten Tätigkeiten, Abläufen und Anforderungen betroffen.
Vor diesem Hintergrund beauftragte syndicom Ecoplan mit einer empirischen Studie zu den Auswirkungen von KI in den ICT-Branchen aus Sicht der Mitarbeitenden. Im Zentrum stehen vier Themenbereiche:
- die Verbreitung und konkrete Nutzung von KI im Arbeitsalltag
- die wahrgenommenen Veränderungen von Tätigkeiten, Zeitaufwand, Anforderungen und Arbeitsbedingungen
- die Bedeutung von Fachwissen, Kompetenzen, Lernen und beruflicher Entwicklung
- die betrieblichen Rahmenbedingungen, die Unterstützung durch Unternehmen sowie die Rolle von Führung und strategischer Planung
Den empirischen Schwerpunkt bildete eine anonyme, tätigkeitsbezogene Online-Befragung in diversen ICT-Betrieben. Die Befragung wurde im Frühling 2026 in deutscher, französischer, italienischer und englischer Sprache durchgeführt. Als Grundlage des Fragenkataloges dienten wissenschaftliche und praxisorientierte Publikationen mit Stand bis Juli 2026 und sieben explorative Fachgespräche mit Personen aus Wissenschaft, Weiterbildung, Arbeitsmarktforschung und Unternehmenspraxis.
Die wichtigsten Ergebnisse der KI-Studie
- KI ist in der untersuchten Gruppe breit im Arbeitsalltag angekommen.
- Die Veränderungen durch KI werden vor allem auf Ebene einzelner Tätigkeiten sichtbar und nicht auf ganzen Berufen. Nebst dem vermerkten geringeren Zeitaufwand werden höhere Anforderungen häufiger wahrgenommen als geringere. Mit KI ergeben sich mehrere Aufgaben parallel, eine höhere Arbeitsintensität und Unsicherheit über die Fehlerhaftigkeit der erzeugten Ergebnisse. Besonders verbreitet ist zudem die häufigere Auseinandersetzung mit der eigenen beruflichen Zukunft.
- Fachwissen, Urteilsfähigkeit und Lernfähigkeit bleiben zentral, um Ergebnisse einzuordnen, Fehler und Risiken zu erkennen und KI sinnvoll in fachliche und betriebliche Zusammenhänge einzubetten. Wichtig sind Datenschutz und eine sichere Nutzung von KI, etwa die Beurteilung, welche Daten in KI-Systeme eingegeben werden dürfen, sowie das klare Formulieren von Aufgaben und ein grundlegendes Verständnis der Funktionsweise von KI. Ebenfalls wichtig sind der Umgang mit Daten und Datenqualität und die Prüfung und fachliche Einordnung von Ergebnissen.
- Der Kompetenzaufbau erfolgt heute vor allem im Arbeitsalltag. Gewünscht werden, um die KI-Anwendung zu erlernen, praxisnahe Workshops und Kurse, Zeit für Selbststudium und das Ausprobieren von KI-Werkzeugen während der Arbeitszeit sowie konkrete Aufgaben, an denen neue Arbeitsweisen praktisch erprobt werden können. Noch grösser ist das Interesse an die gezielte Vorbereitung auf neue oder veränderte berufliche Rollen im Zusammenhang mit KI.
- Regeln und Werkzeuge sind vielerorts vorhanden, die Befragten bemängeln dennoch transparente Informationen über Chancen und Risiken, rechtliche und ethische Leitplanken sowie zeitliche und finanzielle Ressourcen für Weiterbildung und Lernen. Nebst arbeitsnahen Hilfestellungen und Zugang zu geeigneten Werkzeugen ist auch die Verfügbarkeit von Ansprechpersonen genannt.
- Auch Mitwirkungsmöglichkeiten werden von vielen Befragten als wichtig eingeschätzt, sowohl durch Einbezug der Sozialpartner (syndicom) als in Feedback-Runden bei den Mitarbeitenden.
- Übergeordnete KI-Strategien sind sichtbarer als konkrete Vorhaben zur Anpassung von Arbeitsprozessen und zur Entwicklung der benötigten Kompetenzen, dies kann aus den Aussagen der 87 Führungskräfte geschlossen werden. Viele der befragten Führungskräfte wissen nicht, ob eine Kompetenz- und Profilplanung oder eine transparente Steuerung der Veränderungen von Strukturen und Arbeitsprozessen besteht. Als wichtigste Herausforderungen nennen die befragten Führungskräfte Datenschutz und Compliance, den Schutz vertraulicher Informationen, die Sensibilisierung der Mitarbeitenden sowie die Qualitätssicherung.
- Die Studie erlaubt keine Prognose dazu, wie viele Stellen durch KI entstehen oder wegfallen werden. Die Befragung zeigt vor allem, dass sich Tätigkeiten, Anforderungen, Lernwege und berufliche Profile verändern. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Berufseinstieg, weil KI gerade Aufgaben unterstützen oder übernehmen kann, an denen jüngere oder weniger erfahrene Mitarbeitende bisher ihre praktische Erfahrung aufgebaut haben. Gleichzeitig bleibt der Bedarf an ICT-Fachpersonen insgesamt hoch. Entscheidend ist deshalb nicht nur die Zahl der Stellen, sondern auch, welche Fähigkeiten, Erfahrungen und Einstiegsmöglichkeiten künftig gefragt sind.
Die Studie zeigt, dass sich die Arbeitsprozesse aus Sicht der Arbeitnehmenden verändern und die Anforderungen kontinuierlich steigen. Die Aufgaben werden komplexer und anspruchsvoller. Die Hälfte der Befragten empfinden den steigenden Leistungs- und Anpassungsdruck als Belastung. Was für Unternehmen einen Produktivitätsfortschritt darstellen soll, führt bei den Arbeitnehmenden oftmals zu Unsicherheit, Stress und nicht zuletzt zur Sorge um den eigenen Arbeitsplatz.
Deshalb fordert syndicom, dass der Einsatz von KI sozialverträglich gestaltet wird und die Interessen der Arbeitnehmenden im Zentrum stehen.
Forderungskatalog auf Basis der Studie
Mitwirkung
Starke Mitwirkungsrechte für Arbeitnehmende, Personalvertretungen und Gewerkschaften bei der Einführung und Anwendung neuer Technologien und KI-Systeme sollen eingeführt oder erweitert werden.
Schutz der Arbeitsplätze und faire Arbeitsbedingungen
Die zunehmende Arbeitsverdichtung durch Digitalisierung und KI erfordert Entlastungsmassnahmen wie Arbeitszeitverkürzungen. Für den Verlust von Arbeitsplätzen infolge des Einsatzes von KI sollen auch in den Sozialplänen Massnahmen vorgesehen werden.
Einsatz von KI unter Einhaltung des Datenschutzes
Die zunehmende Nutzung von Personendaten der Arbeitnehmenden durch KI erfordert klare, gezielte Bestimmungen im Datenschutz in Gesamtarbeitsverträgen und betrieblichen Regelwerken. Insbesondere müssen die Rechte der Arbeitnehmenden und die Pflichten der Betriebe in diesem Bereich festgelegt werden.
Regelung der Verantwortung für KI-Fehler
Die Verantwortung für KI-Fehler darf nicht einseitig auf die Arbeitnehmenden abgewälzt werden. Eine persönliche Verantwortung darf nur dann geltend gemacht werden, wenn Arbeitnehmende ausreichend Zeit, die notwendigen Informationen und die realistische Möglichkeit hatten, die Ergebnisse der KI zu überprüfen. Wir fordern klare, gezielte Bestimmungen zur Verantwortung bei KI-Fehlern in Gesamtarbeitsverträgen und betrieblichen Regelwerken.
Aus- und Weiterbildung
Ein Recht auf Aus- und Weiterbildung für Arbeitnehmende, besonders auch für Lernende und Berufseinsteigende, ist unerlässlich. Dafür sind ausreichend Arbeitszeit und die notwendige Finanzierung sicherzustellen. Zudem sind die Arbeitgeber in der Pflicht, die Ausbildung auf der sekundären und tertiären Stufe zu fördern. Nur so können sie die Voraussetzungen schaffen, um ihren eigenen Fachkräftebedarf zu decken.
Beteiligung an Produktivitätsgewinnen
Wir fordern eine faire Verteilung der Produktivitätsgewinne aus der Digitalisierung und der Anwendung von KI. Effizienzgewinne müssen den Arbeitnehmenden zugutekommen.
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