KI in Redaktionen: Es braucht kein «Label»
Müssen journalistische Inhalte, die mithilfe von KI entstehen, jeweils gekennzeichnet werden? Der Journalist und KI-Experte Reto Vogt, der am 2. Oktober an der Klausurtagung der Branche Presse von syndicom in Luzern zu Gast war, gibt eine differenzierte Antwort.
Text: Giovanni Valerio
Interviews transkribieren, Studien zusammenfassen, Daten recherchieren, einen Titel vorschlagen: Die Journalistinnen und Journalisten, die am 2. Oktober an der Klausurtagung der Branche Presse von syndicom teilnahmen, bestätigen, dass KI in den Redaktionen endgültig angekommen ist. Diskutiert wird derzeit hingegen über die Transparenz gegenüber der Leserschaft: Soll man Texte kennzeichnen, die zu 100 Prozent von Menschen verfasst wurden, oder angeben, bei welchen Arbeitsschritten KI zum Einsatz kam?

Für Reto Vogt, Journalist, KI-Experte und Ausbildungsleiter an der Journalistenschule MAZ in Luzern, birgt eine pauschale Kennzeichnung die Gefahr, mehr Verwirrung als Transparenz zu schaffen.
KI zur Transkription eines Interviews einzusetzen, ist nicht dasselbe, wie ihr das Verfassen eines Artikels zu überlassen. Der blosse Hinweis ‹KI wurde eingesetzt› lässt das Publikum nicht erkennen, welche Unterstützung die KI-Programme tatsächlich geleistet haben.
Die Berufsethik beruht auf menschlichen Fähigkeiten, die sich nicht vollständig automatisieren lassen: recherchieren, überprüfen, einordnen, ein Netzwerk von Quellen aufbauen und Inhalte redaktionell beurteilen. «Und Verantwortung für das Veröffentlichte übernehmen. Diese Grundsätze gelten unabhängig vom verwendeten Werkzeug. Denn für einen Fehler ist nicht die KI verantwortlich: Die Verantwortung tragen die Redaktion und der Verlag», führt Reto Vogt aus.
Das richtige Mass
Das bedeutet jedoch nicht, dass man auf Transparenz verzichten soll. Künstlich erzeugte Bilder und Inhalte, die grösstenteils von KI produziert wurden, müssen klar als solche erkennbar sein. Es ist aber nicht nötig, jeden Artikel zu kennzeichnen, bei dem die Technologie die Recherche unterstützt hat.
«Mehr als ein blosses ‹Label› braucht es klare interne Richtlinien. Journalistinnen und Journalisten sowie freie Mitarbeitende müssen wissen, welche Werkzeuge sie verwenden können, welche Daten sie eingeben dürfen und welche Überprüfungen sie vornehmen müssen», erklärt Reto Vogt weiter. Die KI-Richtlinien sollten sich auf konkrete Fälle stützen und in den Redaktionen regelmässig diskutiert werden. Dafür braucht es auch Weiterbildung, Zeit und Ressourcen.
Der Einsatz von KI sollte je nach journalistischer Darstellungsform diskutiert werden.
erklärt Reto Vogt: «Um aus einer Pressemitteilung einen Artikel zu verfassen, kann sie meines Erachtens von Anfang an zum Einsatz kommen. Bei einer Reportage oder einem Leitartikel hingegen sollte sie erst am Schluss eingesetzt werden, etwa um den Text zu verbessern oder zu überarbeiten. Die internen Richtlinien sollten diese Unterschiede konkret festhalten».
Ein Werkzeug für mehr Produktivität
Mit der Rationalisierung durch KI erwartet der Verlag, dass die Beschäftigten mehr Arbeit in höherem Tempo erledigen. Für die Kolleginnen und Kollegen ist das eine sehr reale und problematische Entwicklung. Dasselbe gilt für die wiederholten Entlassungen in den Redaktionen, die noch weiter zunehmen werden. «Wir sind nicht gegen einen verantwortungsvollen und gut begleiteten Einsatz von KI, sondern gegen einen Einsatz, der den Arbeitsbedingungen, der Beschäftigung und der Qualität der Berichterstattung schadet», fasst Stephanie Vonarburg, Leiterin des Sektors Medien, zusammen.
Die Gewerkschaften setzen sich für ein kollektives Mitwirkungsrecht des Personals ein. Die Beschäftigten müssen über die eingesetzten Werkzeuge, die übermittelten Daten, die vorgenommenen Kontrollen und die zu erwartenden Auswirkungen auf die Beschäftigung mitdiskutieren können. «Das Problem ist, dass es im Geschäftsmodell der Verlage keinen Plan und keine Vision gibt, die über den Personalabbau hinausgehen», stellt Stephanie Vonarburg fest.
In diesem düsteren Umfeld, in dem eine Budgetkürzung auf die nächste folgt, braucht es wirtschaftliche Entscheide, um die Redaktionen über Wasser zu halten. Diese wurden bisher nicht getroffen. Stephanie Vonarburg betont: «Eine Demokratie braucht Journalistinnen und Journalisten, die in der Lage sind zu recherchieren, zu überprüfen und Rechenschaft abzulegen. Wir fordern das Parlament auf, der Presse Fördermittel für den Journalismus zu gewähren, bevor es zu spät ist». Reto Vogt stimmt ihr zu:
Das Vertrauen der Leserschaft entsteht nicht durch ein Label, sondern durch die Qualität der Berichterstattung und die Verantwortung jener, die sie veröffentlichen.