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Als die Arbeiter sich zu organisieren begannen

Im September 1866 fand in Genf der erste Kongress der frisch gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) statt – besser bekannt unter dem Namen «Erste Internationale». Der Blick zurück in die Anfänge der Gewerkschaften zeigt eindrücklich die schlimme soziale und politische Lage der damaligen Arbeiterschaft. 

An Morgen des 3. September 1866 begleitete laut dem «Journal de Genève» eine Arbeiterdemonstration mit über 1000 TeilnehmerInnen die sechzig Kongressdelegierten (alles Männer) quer durch die Stadt bis ins Quartier Eaux-Vives zur Brasserie Treiber an der Rue de la Terrassière, einem Haus, das heute verschwunden ist. Arbeiter aus verschiedensten Berufen waren darunter, aus dem Baugewerbe oder aus der «Fabrik», d. h. aus der Uhren- und Schmuckindustrie. Man hatte auch eine Musikkapelle aus Ferney-Voltaire kommen lassen wollen. Doch der Unterpräfekt der Gemeinde Gex hatte den Musikern verboten, nach Genf zu gehen.

In der Brasserie hingen verschiedene Fahnen: die Standarte der IAA, die rote Fahne der Genfer Schreiner, diejenigen der vertretenen Länder, aber auch eine grosse Flagge der USA – eine Würdigung für das Land, das kurz zuvor die Sklaverei abgeschafft hatte.

«eine neue Ära der Weltgeschichte»

Mit diesen starken Worten eröffnete Johann Philip Becker – ein in Genf lebender Deutscher, der von dort aus die deutschsprachigen Sektionen koordinierte, – den Kongress. Auf der Tagesordnung standen grundlegende Fragen für die Organisation der Arbeiterbewegung: Streiks und internationale Solidarität, gegenseitige Unterstützung, Arbeitszeit, Frauen- und Kinderarbeit. Zwar konnten sich die Delegierten in den meisten Fragen einigen, aber die Diskussionen waren intensiv.

Bei den jüngsten Streiks in England hatten die Fabrikanten Arbeiter aus dem Ausland geholt und so die Bewegung zerschlagen. Um solche Manöver künftig zu verhindern, wurde vorgeschlagen, Statistiken über Löhne und Arbeitsbedingungen zu erstellen und diese im gesamten Land entsprechend zu vereinheitlichen. Einer der Delegierten, ein Schneider aus London, ging noch weiter: Er forderte, dass «die Arbeiter aller Länder zum gleichen Zeitpunkt die Arbeit niederlegen […]» mögen.

Damals war die Arbeitszeit zwölf bis vierzehn Stunden lang. Kann ein Mann nach seinem Tagwerk «zu Hause die Kraft und den Mut aufbringen, ein Buch zu öffnen?», fragte ein Zürcher Delegierter. Und schon 1810 hatte der englische Utopist Robert Owen die Idee eines Tages aus «acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf und acht Stunden Freizeit und Erholung» propagiert; seinen Berechnungen zufolge reichten selbst drei Stunden Arbeit aus, um die nötigen Güter herzustellen, wenn alle Hand anlegen würden. Einige Delegierte bezweifelten, dass man damit genug verdienen könnte. Ihrer Ansicht nach brauchte es zehn Stunden Arbeit, um für den Unterhalt einer Familie aufzukommen. Schliesslich aber wurde der Grundsatz der acht Stunden verabschiedet.

Frauen und Intellektuelle wurden ausgegrenzt

Aber nicht für alle, nicht für die Frauen! «Dank der Frau wird der Mann häuslich, führt einen anständigen Lebenswandel», sagten verschiedene Delegierte. Für die Gleichberechtigung traten nur wenige ein. Zwei Delegierte aus Paris aber forderten, dass die Ursachen für die «körperliche und seelische Erniedrigung» der Frauen in den Manufakturen beseitigt werden sollten: «Wenn die Frau arbeiten muss, um anständig leben zu können, muss man versuchen, ihre Arbeit zu verbessern, nicht aber abzuschaffen.» Ihr Antrag war chancenlos. Erst zwei Jahre nach dem Kongress entstanden an verschiedenen Orten die ersten Frauengruppen.

Fast alle Kongressdelegierten waren Handwerker, selten Arbeiter aus der Grossindustrie. Sie übten für die damaligen Städte typische Berufe aus: Schneider und Schuhmacher, Weber und Färber, Schreiner, Buchbinder. Als sich der Kongress mit den Statuten und dem Reglement der Assoziation beschäftigte, äusserten die französischen Delegierten auch ernste Vorbehalte gegenüber den Intellektuellen: Sollten die «Literaten» aufgenommen werden? Der Proudhon-Anhänger Henri Tolain forderte, die «Geistesarbeiter» auszuschliessen. Sein Antrag wurde mit 25 gegen 20 Stimmen abgelehnt.

Der Kongress schloss seine Arbeiten am Samstagabend derselben Woche ab und endete mit einem Bankett am Sonntag. Am Vormittag noch hatten die Kongressteilnehmer aber in festlicher Stimmung eine Schifffahrt auf der «Chablais» unternommen. Eine grosse rote Fahne war gehisst worden – zum grossen Missfallen der Bourgeois, die dieses nicht alltägliche Spektakel von der Seepromenade aus beobachteten.

* Marianne Enckell, ­Association pour l’étude de l’histoire du mouvement ouvrier (AÉHMO)

** Georges Tissot, Communauté genevoise d’action syndicale

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