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Basler Traditionsdruckerei macht dicht

Ende des Jahres schliesst die Basler Druckerei Reinhardt ihre Pforten. Von den 44 Angestellten stehen etwa 20 ohne Anschlussmöglichkeit da, ihnen droht die Arbeitslosigkeit. Belegschaft und syndicom wurden erst kurzfristig informiert. 

 

Der Schock kommt am Wochenanfang. Es ist der 16. September, ein Montag: Die Leitung der Basler Druckerei Reinhardt gibt bekannt, dass der Betrieb auf Ende des Jahres geschlossen wird. Eine Druckerei mit fast 200-jähriger Tradition wird verschwinden. «Es war eine totale Betroffenheit. Wir wurden in der Druckerei zusammengerufen, dann wurde uns erklärt, dass man den Betrieb auf Ende Jahr dichtmachen werde. Es gab ein langes, betretenes Schweigen. Einfach ein Schweigen.» So beschreibt der 25-jährige Samuel Rüegger die Szene. Noch ist er bei Reinhardt als Buchbinder beschäftigt.

Zur Verkündung der Schliessung kommen fast alle. Alfred Rüdis­ühli, der CEO und Delegierte des Verwaltungsrates, liest die Erklärung vor. Neben ihm: Rudolf Reinhardt, Hauptaktionär des Betriebs. Anwesend ist auch ein Personalmanager der Druckerei Werner, die ab 1. Januar 2014 Aufträge und Personal von Reinhardt übernehmen will.

Glücklich ist niemand. Weder die Herren Rüdisühli und Reinhardt, noch die ArbeiterInnen der Druckerei. Der Aktionär Reinhardt, dessen Familie die Druckerei seit 135 Jahren besitzt, spricht sogar von einem «verfehlten Lebensziel». Trotzdem bleibt ein entscheidender Unterschied: Während Herr Rüdisühli seinen 15 000-Franken-Job als Leiter des Verlags behält und Rudolf Reinhardt weiter von seiner 90-prozentigen Aktienbeteiligung an ebendiesem wird leben können, müssen sich die Beschäftigten wie Samuel Gedanken machen: Wie soll es weitergehen?

Frustration und Ratlosigkeit in der Belegschaft

Betroffen sind 44 Angestellte der Reinhardt-Druckerei. Etwa zehn von ihnen können von der Druckerei in den Reinhardt-Verlag wechseln. Weitere zwölf sollen zusammen mit den verbleibenden Druckaufträgen an die Basler Druckerei Werner übergeben werden. Doch es bleiben mindestens zwanzig Arbeiter, denen die Erwerbslosigkeit droht. «Vor allem die älteren Leute machen sich Sorgen, dass sie keinen Job mehr finden. Und das sind einige bei uns», weiss Samuel. Quälend sei auch die Ungewissheit, wer übernommen werde und wer sich auf die Stellensuche begeben müsse. Über die Atmosphäre kurz vor dem 16. September berichtet der Buchbinder: «Mit unseren grossen Stammkunden haben wir uns sicher gefühlt. Ich mich auch.»

Umso grösser die Überraschung der Beschäftigten, als ihnen die bevorstehende Schliessung des Betriebs bekannt gegeben wird. Zwar gab es nach einer mageren Sommerperiode bereits Spekulationen über Entlassungen, doch mit dem Druckerei-Ende hat niemand gerechnet.

Die Frustration der Belegschaft bleibt deutlich spürbar. An einer Betriebsversammlung am 24. September nimmt etwa die Hälfte des Personals teil. Immer wieder kommen Fragen auf, die die Ratlosigkeit der Leute widerspiegeln. Wie gehe ich mit den Behörden um? Welche Chancen auf Umschulung habe ich? Wie schreibe ich überhaupt eine anständige Bewerbung? Ein ums andere Mal schlägt die Stimmung um: «Was habt ihr uns überhaupt anzubieten?», ruft ein Arbeiter den GewerkschaftsvertreterInnen entgegen. Eine Kollegin kann ihren Ärger kaum verhehlen: «Mit dem Betrieb ist man fast verheiratet gewesen. Man ging gerne hier zur Arbeit. Und dann heisst es auf einmal, man solle offen sein für alles. Da hat man 30 Jahre hier geschafft, und nun erzählen sie mir: ‹Schauen Sie, ob Sie nicht als Pferdepflegerin tätig sein können.›»

Unternehmer für die Arbeiter

Wütend sind die Herren Rüdis­ühli und Reinhardt nicht. Eher besorgt. Sie kümmern sich, glaubhaft, um «ihre» Angestellten. CEO Rüdisühli identifiziert sich «jetzt auch mit den Mitarbeitenden», da diese sich für den Betrieb «zu 100 Prozent» eingesetzt haben. So spricht auch Reinhardt: «Das beste Ergebnis ist, wenn alle Leute einen Platz finden. Das steht jetzt auch eindeutig im Vordergrund unserer Bemühungen.»

Diese Bemühungen sind mehr als nur Gerede. Die Übernahme von Angestellten in den Verlag und die Übergabe von ArbeiterInnen an die Werner-Druckerei sind durch das Engagement von Rüdisühli und Reinhardt möglich geworden. Druckaufträge von Novartis und dem FC Basel wurden an die Werner-Druckerei übergeben, mit der Auflage, Personen vom Reinhardt-Druck zu den bisherigen Arbeitsbedingungen anzustellen. Es hätte auch anders laufen können: Für das Auftragsvolumen lag Reinhardt-Druck ein Millionenangebot vor – allerdings ohne die Übernahme des Personals.

Auch wird ab Oktober für die Belegschaft eine Stellenbörse eingerichtet; schon jetzt arbeitet man an der professionellen Anfertigung von Bewerbungsdossiers. Letzteres auf Vorschlag von syndicom.

syndicom erst nach Monaten informiert

Weniger lobenswert: Der Beschluss, die Druckerei aufzugeben, stand schon seit Monaten fest. Auf Nachfrage der syndicom-Zeitung gab Reinhardt zu, bereits Ende Mai den entsprechenden Entscheid gefällt zu haben. Darüber informiert wurden die Belegschaft und syndicom aber erst Mitte September. Geschäftsleiter Rüdisühli hat seine ganz eigene Begründung: «Als Unternehmer ist es schwierig, mit den Gewerkschaften zusammenzuarbeiten. Ein Teil der Gewerkschaftsvertreter ist noch zu klassenkämpferisch.» Ähnlich klingen auch Reinhardts Worte: «Ob wir die Gewerkschaft früher hätten mit einbeziehen sollen, darüber kann man streiten. Ich glaube nicht, dass die Gewerkschaft gut beraten wäre, unternehmerisch tätig zu werden.» Daneben habe es noch der Abklärungen mit Werner-Druck bedurft. Einer Verlängerung der Konsultationsfrist – von syndicom und der Belegschaft gefordert – stimmten Rüdisühli und Reinhardt hingegen nicht zu. So betrug die Konsultationsfrist nur minimale fünf Tage.

Auch der notwendige Sozialplan gehört nicht zu den Lieblingsthemen des Unternehmerduos. Rudolf Reinhardt: «Wir haben uns schon Überlegungen zum Sozialplan gemacht, zu konkreten Zahlen. Aber die werde ich noch nicht offenlegen.» Auch ein Grund für das Engagement bei der Weitervermittlung der Arbeiter: Je mehr beschäftigt werden, desto weniger wird Reinhardt zahlen müssen. Oder so: «Wie hoch der Sozialplan ist, hängt auch sehr stark davon ab, wie viele Leute wir noch unterbringen können.»

* Johannes Supe, Redaktionspraktikant syndicom

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