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Buchpreisbindung: Grossbritannien - Die grosse Verwüstung

Die Buchpreisbindung fiel in Grossbritannien 1997 nach fast 100 Jahren auf Druck einiger Buchhandelsketten,welche die Verlage zwangen, sie aufzugeben. Die Folgen sind verheerend: 1800 Buchhandlungen konnten bei den Rabattschlachten mit Bestsellern nicht mithalten und mussten schliessen. Gleichzeitig ist der durchschnittliche Buchpreis, anders als ursprünglich erwartet, erheblich gestiegen. 

Am 11. März entscheidet der Souverän über die Wiedereinführung der Buchpreisbindung in der Schweiz. Wer wissen will, was langfristig in einem Land ohne Preisbindung geschieht, sollte einen Blick nach Grossbritannien werfen. Denn bereits 1997 war dort das sogenannte Net Book Agreement gefallen. In der Folge setzte ein ruinöser Verdrängungswettbewerb ein. Zunächst stiegen die britischen Buchhandelsgiganten WH Smith und Waterstones in die Arena, kurz darauf auch der US-Filialist Borders. Sie überfluteten den Massenmarkt mit Bestsellern zu Tiefpreisen.

Dann witterten die Supermarkt-Ketten ihr Geschäft: Tesco, Asda und Sainsbury’s drehten weiter an der Preisschraube und verschleudern Bücher inzwischen um 50 Prozent unter den von den Verlagen empfohlenen Ladenpreisen. Besonders attraktive Titel von Rosamunde Pilcher, Ken Follett oder Stephenie Meyer werfen sie sogar unter dem Einstandspreis auf den Markt. «Loss Leaders» heissen sie und dienen lediglich dazu, die Kundschaft in den Laden zu locken, um dann zugleich mit dem neusten Vampirbuch auch noch Zahnpasta und Orangensaft zu verhökern. Diese Warenhaus-Giganten pressen den Verlagen bis zu 70 Prozent Rabatt ab.


Durchschnittspreis massiv gestiegen

Solche Rabattschlachten wirken wie Gift für die kleineren Buchhandlungen, die daneben auch mit der Onlinekonkurrenz und hohen Mieten zu kämpfen haben: Seit 2005 mussten denn auch rund 1800 Buchhandlungen in Grossbritannien ihre Pforten schliessen. 2180 Buchhandlungen sind nun übrig geblieben. Die Einnahmen, die den traditionellen Buchhandlungen verloren gegangen sind, können diese nur durch deutliche Preiserhöhungen beim Restsortiment wettmachen. Womit die Querfinanzierung, die in der Vergangenheit funktioniert hatte, auf den Kopf gestellt wurde, denn die Topseller stütz(t)en das anspruchsvolle Buch nicht mehr.

Die auf dem britischen Buchmarkt zu beobachtenden Veränderungen müssten eigentlich das Weltbild der Wirtschaftsliberalen auf den Kopf stellen. Denn der Markt reagierte keineswegs so, wie es nach der Theorie erwartet worden war: Der Durchschnittspreis für ein Buch ist zwischen 1997 und 2010 um rund 40 Prozent gestiegen, 8,5 Prozent mehr als die Preise anderer Einzelhandelsprodukte, die im selben Zeitraum um 31,5 Prozent gestiegen sind (siehe Grafik). Nur die Bestseller sind billiger geworden.

«Verwüstete» Buchlandschaft»

Auch die Grossfilialisten mussten Haare lassen. Borders machte 2009 dicht. Und Waterstones, mit rund 300 Filialen Europas grösster Buchhändler, hat seine 3-für-2-Angebote inzwischen eingestellt. Die Entwicklungen auf dem britischen Buchmarkt zeigen: Unabhängige Buchhandlungen haben Kundinnen und Kunden an die Ketten verloren, diese wiederum an die Supermärkte. Und gleichzeitig steigen die Preise. Die «Verwüstung» der Buchlandschaft in Grossbritannien zeitigt noch andere Folgen: Fast 600 Kleinstädte haben heute keine Buchhandlung mehr.


Daniel Bouhafs, freier Journalist in Zürich

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