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Den Fortschritt begleiten

Giorgio Pardini, Leiter des Sektors Telecom/IT bei syndicom, spricht über den Stellenabbau bei Sunrise, die angespannte Lage im Telecom-Markt und die Spielräume der Gewerkschaft. 

Kam für dich die Ankündigung von Sunrise, mehr als 200 Mitarbeitende zu entlassen, aus heiterem Himmel?

Giorgio Pardini: Überhaupt nicht. Als Swisscom 2014 die Preise senkte, vor allem beim Roaming, sagte ich zu meinen Kollegen: Das wird Arbeitsplätze bei den Mitbewerbern kosten. Ich habe mit 300 gerechnet. Leider habe ich es recht gut getroffen.

syndicom und die Personalvertretung konnten bei Sunrise immerhin in der Konsultation den Abbau auf 175 Stellen beschränken. Wie ist die Lage bei Salt?

Auch dort machen sich die Preissenkungen bzw. die Margenverluste bemerkbar. Um Kündigungen zu umgehen, versucht Salt, freiwillige Abgänge durch Anreize zu fördern und Stellen so abzubauen. Rund 10 Prozent, würde ich schätzen.

Kann die Swisscom sich diesen Preiskampf leisten?

Offenbar ja. Sie hat einen hohen Marktanteil und kann Preissenkungen über Skalierungseffekte besser auffangen als ihre Mitbewerber. Zudem ist ihr Erfolg auf kluge strategische Entscheide zurückzuführen.

Wäre für dich die vollständige Privatisierung der Swisscom die Lösung des Margenproblems bei Sunrise und Salt?

Nein. Swisscom übernimmt nach wie vor eine wichtige Rolle in der Grundversorgung. Das sieht man aktuell bei der Erschliessung mit Glasfaser-Breitband. Swisscom erfüllt – mit ­Sunrise und Cable­com – einen wichtigen volkswirtschaftlichen Auftrag. Sie trägt dazu bei, dass die Schweiz gemäss WEF zum 7. Mal in Folge das wettbewerbsfähigste Land der Welt ist. Und dies in einem Land, in dem rund 50% der Beschäftigten direkt oder indirekt einem GAV unterstehen.

Würde das Gegenteil das Problem lösen? Die Annahme der Service-public-Initiative des «K-Tipp»?

Auch nicht. Der Titel hält leider nicht, was er verspricht. Die Initiative wäre Gift für Investitionen in der Branche. Also für Arbeitsplätze. Eine Lösung des Problems von Sunrise und Salt hätte es am ehesten gegeben, wenn seinerzeit die Fusion von Sunrise und Orange bewilligt worden wäre.

Der Druck auf die Arbeitsplätze in der Telecombranche ist hoch. Gleichzeitig leisten die Angestellten immer mehr. Die Arbeitsdichte nimmt zu, ebenfalls die Gratisarbeit durch unbezahlte Überzeiten. Wie geht das zusammen?

Das wollten wir auch wissen und haben vom Büro BASS die Produktivitätsentwicklung in der Telecom- und IT-Branche untersuchen lassen. Die BASS-Studie bestätigt unsere breit angelegte syndicom-Umfrage zur «Entgrenzung der Arbeit». Die Angestellten der Telecombranche leisten tatsächlich immer mehr, sogar viel mehr! Die Produktivität ist zwischen 2008 und 2012 um über 20 Prozent gestiegen. Nur konnte diese Mehrleistung nicht in Mehrwert umgemünzt werden. Der Preiszerfall hat die höhere Arbeitsproduktivität aufgefressen. Und diese Entwicklung scheint sich fortzusetzen.

Du blickst also eher pessimistisch in die Telecom-Zukunft?

Leider ja. Zu den branchenspezifischen Problemen kommen die allgemein bekannten hinzu: Frankenstärke und Masseneinwanderungs-Initiative belasten auch die notwendigen Ausrüstungsinvestitionen im Telecom/IT-Markt. Dieser ist vom Investitionsrückgang aktuell sogar besonders betroffen.

Was kann die Gewerkschaft in dieser schwierigen Marktlage tun?

Eine Menge. Bei Swisscom zeigt sich, wie viel wir bewirken, wenn wir in die strategische Personalplanung einbezogen werden. Indem wir gemeinsam mit dem Unternehmen frühzeitig analysieren, welche Technologien wann abgelöst werden, schaffen wir es, über die Sozialpartnerschaft den Technologiewandel zu begleiten. Konkret: Die Leute so umzuschulen, dass sie ihre Arbeitsmarktfähigkeit erhalten oder sogar verbessern.

Und sonst: Welche gewerkschaftlichen Handlungsspielräume siehst du?

Ausbildung und permanente Weiterbildung sind zentral und müssen gewährleistet sein. Darauf muss sich die Sozialpartnerschaft heute und in Zukunft fokussieren. Schliesslich kommt auch unseren Sozialplänen eine grosse Bedeutung zu.

Was bedeutet dies für den Lohnherbst?

Wie unsere Studien zeigen, leisten die Mitarbeitenden immer mehr. Klar ist: Für mehr Leistung fordern wir mehr Lohn. Zwischen 1 und 2 Prozent, je nach Unternehmen.

Ist es nicht widersprüchlich, trotz Druck auf die Arbeitsplätze mehr Lohn zu fordern?

Nein. Der Verzicht auf Lohnerhöhungen würde keine einzige Stelle retten. 1 bis 2 zusätzliche Lohnprozente erhöhen die Gesamtkosten eines Unternehmens nur um ein paar Promille. Der Arbeitsplatzabbau ist viel mehr getrieben von der zunehmenden Automatisierung in der Branche und dem Zusammenwachsen verschiedener Kundensegmente. Arbeit wird wegrationalisiert. Mit einer unterwürfigen Gewerkschaftshaltung ändern wir nichts daran.

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