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«Der Erhalt von digitalen Beständen ist teuer und pflegeintensiv»

Wie können Bibliotheken heutzutage den Spagat zwischen digitalem und analogem Angebot bewältigen? Wir haben bei der Leiterin des PTT-Archivs, Heike Bazak, nachgefragt.

Frau Bazak, welche neuen Funktionen können Bibliotheken innerhalb von digitalen Informationsgesellschaften einnehmen?

Die Vielfalt an Informationen, die frei zugänglich sind, nimmt stetig zu. Die Kunst jedoch ist, die relevanten Informationen zu finden und zu nutzen. Archivarinnen und Archivare sowie Bibliothekarinnen und Bibliothekare verstehen sich heute als Informationsspezialisten, die Kunden bei der Recherche unterstützen.

Ausserdem bleiben Archive und Bibliotheken die Orte, an denen ein Wissenszugang von nicht im Netz verfügbaren Quellen möglich ist. Websites, die heute frei abrufbar sind, sind es allenfalls in einem Jahr nicht mehr.

Was sind Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung?

Die analoge und die digitale Welt optimal zu kombinieren, bleibt eine grosse Herausforderung. In einer vernetzten digitalen Gesellschaft haben wir die Möglichkeit, durch das Internet, Suchmaschinen und Online-Kataloge bekannter zu werden und unsere Bestände damit einer grös­seren Nutzergruppe zugänglich zu machen.

Welche analogen und digitalen Bestände haben Sie im Angebot?

Wir verfügen über Archiv-Bestände zu Vorläufern der eidgenössischen Postverwaltung (1708–1848), der Eidgenössischen Post (1848–1997), der Eidgenössischen Telegrafen- und Telefonverwaltung (1852–1997), der Poststellenchroniken, Telefonbücher (1880 bis heute), Zeitschriften und Bücher zur Post, Telefonie, Telegrafie, zum Weltpostverein, der Internationalen Fernmeldeunion und Telekommunikation sowie zum Verkehr und zu Neuen Medien. Im historischen Bestand befinden sich Bücher ab dem 17. Jahrhundert. Insgesamt haben wir rund 90 000 Titel in der Bibliothek und über 5000 Laufmeter an Archivbeständen. Digital haben wir primär Retro-Digitalisate, zum Beispiel von Telefonnetz-Karten, die bei uns auch online recherchierbar sind.

Wie ist das PTT-Archiv zwischen analogen und digitalen Beständen organisiert?

Die analogen Bestände sind die Hauptquelle für unsere Kunden. Dies bleibt auch in Zukunft so. Aber auch wir müssen uns der digitalen Welt stellen. Aus diesem Grund führen wir ein System zur digitalen Langzeitarchivierung. Diese ist für Bestände notwendig, die bereits digital verfasst worden sind oder für sogenannte «Retrodigitalisate», das sind analoge Bestände, die digitalisiert wurden.

Wie steht es eigentlich um die Pflege und Aufbereitung digitaler und analoger Bestände?

Der Erhalt von digitalen Beständen ist eine äusserst kostspielige Angelegenheit. Die Kosten sind sogar höher als jene, die für die Pflege analoger Bestände anfallen: bei der digitalen Langzeitarchivierung wird mit einer Aufbewahrungszeit von mehr als zehn Jahren gerechnet. Die Authentizität der Unterlagen muss über Jahrzehnte bis Jahrhunderte bewahrt werden. Es sind aber nur bestimmte Dateiformate langzeitarchivierungstauglich, das heisst, die Daten müssen regelmässig migriert werden. Zusätzlich braucht es Sicherungskopien, die deponiert werden müssen, und die Daten sind – damit sie auch gefunden werden können – in einer Datenbank zu verzeichnen. Damit fallen alle 5 bis 6 Jahre hohe Kosten an. Bestände auf Papier sind, nachdem sie restauriert, entsäuert, archivgerecht verpackt, in einer Datenbank erfasst und in einem Archivmagazin gemäss konservatorischen Standards bewahrt werden, für die nächsten hundert Jahre sicher und gut aufbewahrt und nicht mehr pflege­intensiv.

Welche Strategie verfolgen Sie im Hinblick auf die Digitalisierung?

Wir orientieren uns nach den Kundenbedürfnissen, aber auch nach dem Erhaltungszustand von Dokumenten. Wenn diese durch digitale Nutzung geschont werden können, bekommen sie eine höhere Priorität.

Werden die analogen oder die digitalen Bestände mehr genutzt?

Das ist je nach Fragestellung und Interesse verschieden. Ein Beispiel für einen Bestand, der aufgrund der Digitalisierung bekannter und damit häufiger genutzt wird, sind bei uns die sogenannten Postkurs-Karten aus den Jahren 1850 bis 1964. Darauf sind die Postkutschenverbindungen, Bahnpostverbindungen und Postautolinien abgebildet. Ebenso lassen wir die Telefonbücher digitalisieren und erhoffen uns einen ähnlichen Erfolg.

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