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«Die Bevölkerungsexplosion ist abgesagt»

Balthasar Glättli rechnet in einem jetzt erschienenen Sachbuch ab mit grün-braunen Umweltschützern und der «Überbevölkerungs»-Hysterie auch in den Reihen der Grünen.

Herr Glättli, was ist «Peak Child»?

Das ist die Tatsache, dass die Zahl der Kinder weltweit nicht mehr wächst. Schon seit mehr als 10 Jahren ist die Zahl der bis 15-Jährigen stabil.

Die globale Bevölkerungsexplosion ist also abgesagt?

So ist es. Die Weltbevölkerung wächst global nur noch, weil wir älter werden. In einigen Jahrzehnten wird sich die Zahl der Menschen auf dem Raumschiff Erde stabilisieren.

Erstaunlich – dabei wird uns seit Jahrzehnten eingebleut, die «Bevölkerungsbombe» sei das grösste Problem der Menschheit. Man präsentiert Horrorszenarien von 30 Milliarden Menschen, warnt vor Hungersnöten und ökologischen Katastrophen …

Die «bevölkerungspolitische Frage» wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von einer ganzen Lobby gepusht, die unter anderem von der Rockefeller-Stiftung finanziert wurde und in den 1960er-Jahren ihren Durchbruch bei der US-Regierung und auch bei der Uno hatte. Interessant ist, dass dabei von Anfang an viele Anhänger der ­eugenischen Bewegung aktiv waren, die wertes von unwertem Leben unterscheidet. Dass die Weltbevölkerung in jener Zeit tatsächlich sehr rasch wuchs, trug zur Glaubwürdigkeit dieser Kassandra-Rufe bei, die bereits für die 1970er-Jahre globale Hungerkatastrophen prophezeiten. In der wachsenden Ökobewegung fand das Thema ebenfalls Widerhall. Wobei schon damals bekannte US-Ökologen kritisierten, dass man nicht im Namen der Ökologie eine staatliche Kontrolle der Fortpflanzung fordern dürfe.

Ein Grüner relativiert Umweltprobleme?

Im Gegenteil. Die ökologischen Probleme waren und sind immens und drängend. Darum kämpfen wir Grüne auch für den Umbau hin zu einer grünen Wirtschaft, für bessere Raumplanung und für Kulturland-Schutz. Wir schlagen für die konkreten Probleme machbare Lösungen vor.

Wichtig zu verstehen ist: Umweltverschmutzung, Klimawandel, Hunger folgen aus der Art, wie wir wirtschaften, der Ausbeutung ganzer Kontinente, aus dem ungleich verteilten Wohlstand, dem ungebremsten Verbrauch von Ressourcen. Sie folgen gewiss nicht aus dem angeblich explodierenden Bevölkerungswachstum.

Eine einzelne Person in der Schweiz belastet im Schnitt die Umwelt mehr als zehn Menschen in Niger. Das blendet Ecopop aus. Wer als einzige Ursache die Zahl der Menschen angibt und als einzige Lösung ihre Begrenzung, ist ein Finsternishändler.

Und doch stimmen wir im November über eine Initiative der Ecopop ab, die im Namen des Umweltschutzes zwei Dinge will: das gesamte Wachstum der Schweizer Bevölkerung auf 0,2 Prozent drücken und dafür die Zuwanderung mit drakonischen Mitteln stoppen. Und sie schreibt vor, Entwicklungshilfegelder dafür zu verwenden, die Geburten in armen Ländern zu beschränken.

Diese Initiative ist absurd und gefährlich. In ihr stecken die beiden Elemente rechter Ökologie: Fremde ausgrenzen, um den eigenen «Lebensraum» sauberzuhalten. Und: die Armen dazu bringen, keine Kinder zu zeugen, weil die ja Anspruch auf ihren Anteil an den natürlichen Ressourcen anmelden könnten. Weniger Menschen, weniger Umweltprobleme, das ist das Ecopop-Mantra.

Daran ist alles falsch, was falsch sein kann. Werden Treibhausgase in Bayern in die Luft geblasen statt in Zürich, verringert das die Klimakatastrophe nicht. Nicht Ausländer schaffen ökologische Probleme, sondern unsere Lebensweise.

Rechte, fremdenfeindliche ÖkologInnen? Das tönt widersinnig.

Auch wenn mir Ecopop-Sekretär Andy Thommen, ein Mitglied der Grünen, mit rechtlichen Schritten drohen sollte, ich wiederhole es gerne: In der ökologischen Bewegung gibt es eine dunkle Seite, eine grün-braune Tradition.

Sie haben diese Tradition jetzt in einem Buch erforscht, zusammen mit Co-Autor Pierre-Alain Niklaus und diversen Gastautoren. Worauf sind Sie bei Ihren Recherchen gestos­sen?

Wir haben in Abgründe geschaut. Ecopop steht, auch wenn sich ihre Köpfe empört dagegen verwahren, in einer langen Reihe von rassistischen Denkern, von Theoretikern des werten und unwerten Lebens, von Bevölkerungspolitikern und Lebensraum-­Ideologen.

In ihrer unmittelbaren Entstehungs­geschichte als Verein in der Schweiz haben Fremdenfeinde wie Valentin Oehen eine entscheidende Rolle gespielt. Schliesslich kam die Initiative überhaupt nur zustande, weil Rechtsaussenpolitiker wie Ulrich Schlüer (der Ex-SVP-Nationalrat und frühere Generalsekretär von James Schwarzenbach) und die Schweizer Demokraten viele Unterschriften organisiert haben.

Aussen grün, innen braun?

Ich würde nie behaupten, die Ecopop-Leute seien allesamt Rassisten oder Faschisten! Darum ging es uns nicht. Wir wollten wissen, welches Menschenbild sie haben und woher es stammt. Wie ticken Leute, die Ökologie als Kampf von Volk gegen Volk sehen? Die Nation und Ökologie gegen die Menschen stellen? Die den Menschen nicht als gesellschaftliches Wesen sehen, das sich anders organisieren kann, sondern als halbwegs intelligentes Tier? Und vor allem hat uns interessiert, wie eine solche Ideologie, die alle ökologischen Probleme durch Fremdenfeindlichkeit und die Reduktion der Zahl der Menschen lösen will, in der Schweiz potenziell mehrheitsfähig geworden ist.

Benno Büeler von Ecopop warnt vor einer Schweiz mit 11 Millionen Menschen. Damit trifft er doch die Angst vieler?

In der Schweiz hat es Platz für 11 Millionen Menschen, die vernünftig leben. Aber es hat keinen Platz für auch nur 5 Millionen, die alle in einer Villa sitzen, mit dem Offroader vor der Tür.

So wie mancher Ecopop-Verantwortliche? Der starke Mann bei Ecopop, Andreas Thommen, bewohnt im Aargau ein Haus mit einem Umschwung von der Grösse eines Fussballfeldes.

Ich möchte nicht auf den Mann spielen. Diskutieren wir lieber das Prinzip. Hier wird Ecopop zu Ego-Pop: Man spricht den anderen ab, was man selbst hat. Das nährt den Verdacht, dass es nicht um Ökologie geht, sondern darum, die eigenen Privilegien zu schützen, indem man die Zahl der Menschen begrenzt. Grenzen zu und Präservative für die Dritte Welt: Das ist gewiss nicht die Ökologie, die wir Grüne wollen.

Im Initiativtext steht, Ecopop wolle mit einer tieferen Einwohnerzahl «die natürlichen Lebensgrundlagen sicherstellen». Das wäre eine Form von Antiökologie: Bevölkerungspolitik und Ausgrenzung, um seinen privilegierten, verschwenderischen Lebenswandel weiterzuführen?

Klar ist: Wird Ecopop angenommen, ist das für den Umweltschutz ein Knieschuss. Denn für alle Probleme gäbe es ja den einen grossen Hebel: die Bevölkerung reduzieren. Nur löst das in Wahrheit kein einziges ökologisches Problem. Ganz abgesehen von den wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die Ecopop auslösen würde. Von normalen Beziehungen mit Europa und Bilateralen wäre dann keine Rede mehr. Aber ich will jetzt gar nicht von Arbeitslosigkeit, Lohndumping und zerstörten Sozialversicherungen reden. Das könnt ihr von den Gewerkschaften besser.

Der direkte Zusammenhang zwischen Ökonomie und Ökologie, Wohlstand und Ressourcen ist offensichtlich. Ein Freund hat das so formuliert: «Wenn die ganze Welt so viel Auto fährt wie wir, so viel konsumiert wie wir, so viel Energie verbraucht wie wir, begeht die Menschheit ökologischen Selbstmord.»

Da ist der Punkt. Wie lösen wir das Problem? Indem wir die Menschen, die heute weniger haben, dazu zwingen, weniger Kinder zu zeugen und auf eine Entwicklung zu verzichten? Indem wir für 200 Millionen Franken Entwicklungsgeld Kondome über Afrika abwerfen? Lösen wir das Problem mit Bevölkerungspolitik, Egoismus und Eugenik? Sagen wir den Chinesen und Inderinnen und auch unseren Tieflöhnerinnen: Ihr seid es nicht wert, so zu leben wie wir? Manche bei Ecopop denken so. Und manche Ecopop-Anhänger denken es zwar nicht, aber verhalten sich so.

Und manchmal argumentieren sogar westliche Delegationen bei internationalen Umweltkonferenzen ähnlich.

Sauberes Wasser, Luft zum Atmen, Boden, Rohstoffe sind Gemeingüter. Sie gehören grundsätzlich allen. Der französische grüne Denker Alain ­Lipietz sagt: «Gemeingüter sind keine Dinge, sondern gesellschaftliche Verhältnisse.»

Es geht darum, sie gemeinsam so zu nutzen, dass sie erstens nicht zerstört werden und zweitens möglichst vielen zugute kommen. Das ist das Prinzip politischer Ökologie. Und die einzige mögliche Lösung. Ökologisch, aber auch, um Kriege zu verhindern und die Lebensqualität zu verbessern.

Der amerikanische Biologe Garrett Hardin sieht noch zwei andere Möglichkeiten: totale Privatisierung der Gemeingüter oder die ökologische Weltdiktatur.

Beides führt in die Barbarei. Wollen wir das? Für mich ist klar, dass die Ausbeutung der Natur und die Ausbeutung des Menschen zusammengehören, und man kann sie auch nur zusammen bekämpfen. Sie können nicht gegeneinander ausgespielt oder unabhängig voneinander beendet werden.

Und die Begrenzungen, die wir uns bei der Nutzung der Natur auferlegen, um den Blauen Planeten zu retten, gelingen nur, wenn wir sie mit einem Gerechtigkeitsprinzip verbinden: Alle sollen einen fairen Zugang zu den Gemeingütern und Chancen haben.

Schliessen wir den Kreis: Das heisst, dass wir in der reichen Welt unseren Lebensstandard dimmen müssten?

Ja, aber nicht unsere Lebensqualität. Meine These ist: Ringen wir mit neuen Entwicklungspfaden und nachhaltiger Wirtschaft um die Lösung des Ökologieproblems und gleichzeitig um mehr Gerechtigkeit, werden wir unsere Lebensqualität steigern. Derzeit werden solche Lösungen überall gelebt, entworfen, in Politik gegossen.

Aber das bleibt den Ego-Pop-Leuten, in der Mehrheit pensionierte Ingenieure und Naturwissenschafter, verborgen.

Sie machen Wachstumskritik? Da werden Sie bei den Gewerkschaften wenig Zustimmung finden.

Nicht sicher. Klar ist es Kernaufgabe der Gewerkschaften, dafür zu sorgen, dass ein anständiger Teil des Mehrwerts in die Taschen der Arbeitenden fliesst. Aber ihr eigentliches Ziel ist die Befreiung des Menschen aus den Abhängigkeiten. Das teilen wir. Zum Beispiel bei der Zeitautonomie: Es ist doch eine schöne alte Forderung der Gewerkschaften, die Arbeitszeit zu verkürzen. Für mich ist das ein wesentliches Element eines ökologischen Umbaus.

Dieses Interview erschien zuerst in «work» vom 21. August 2014

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