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Druck auf das Schalterpersonal

Im eidgenössischen Blätterwald raschelt es: Die Poststellen würden zu Gemischtwarenläden, liest man. Zu reden gibt auch der Verkaufsdruck, der auf vielen Postangestellten am Schalter lastet. Dem sind wir nachgegangen. 

Es gebe Schalterangestellte, welche die Produkte, die sie in ihrer Poststelle zum Verkauf anpreisen sollten, in mehrfacher Ausführung selbst erwerben, um die hochgesteckten Verkaufsziele aus ihren Vorgaben zu erreichen. Das stand in den vergangenen Wochen in «SonntagsBlick», «Blick» und «20 Minuten». Bratpfannen, Gummibärchen, aber auch Natel-Abonnemente und Reiseversicherungen werden in den Schalterhallen feilgeboten. Manch einer fühlt sich da eher auf einem Basar als auf der guten alten Post.

Dass die Post den rückläufigen Umsatz im Brief- und Pakettransport mit anderen Angeboten wettmachen will, steht hier nicht zur Debatte. Nicht zuletzt, weil schon jeder dritte Franken der Einnahmen aus diesen Zusatzverkäufen stammt. Sie sind die Grundlage der Argumentation, dass über die breite Produktepalette ein substanzieller Beitrag zur Erhaltung von Arbeitsplätzen geleistet werde.

Das Bild vom gemütlichen Postamt, in dem die Dorfbewohner mit den Briefen auch ihre Alltagssorgen deponieren, stimmt schon lange nicht mehr. Damit haben viele Kunden Mühe, die ihr Unbehagen jetzt in den Online-Foren der Zeitungen kundtun. Aber es gibt auch zahlreiche Postangestellte, die sich durch die neuen Aufgaben unter Druck gesetzt fühlen. Sie wurden als Fachleute für postalische Geschäfte ausgebildet und sollen heute ihren Kunden und Kundinnen ausserdem die Vorzüge von Kinderspielzeug oder Reiseversicherungen näherbringen. Auch wenn zur Unterstützung Weiterbildungskurse angeboten werden, fällt die Umstellung manchmal schwer. Thomas Geiser, Rechtsprofessor an der Uni St. Gallen, meint dazu: «Dem Personal können zwar nur Aufgaben zugemutet werden, die im Arbeitsvertrag vereinbart sind. Aber selbstverständlich können sich Anforderungen mit der Zeit auch verändern. Dann muss der Vertrag im gegenseitigen Einverständnis angepasst werden». Die Frage sei ja eher, wie Problemsituationen angegangen würden: «Wenn keine Einigung erzielt wird, kommen die Gewerkschaften auf den Plan. Sie können nicht nur im Einzelfall helfen, sondern achten auch darauf, dass die Rahmenbedingungen eingehalten werden.»

Kontrolle ist gut, Vertrauen wäre besser

Oft seien es auch zwischenmenschliche Probleme: «Es gehört zu den grossen Herausforderungen heutiger Unternehmen, eine vernünftige Kultur zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden zu etablieren.»

Auch hier wieder gehört es seiner Meinung nach zu den Aufgaben der Gewerkschaft, auf Missstände hinzuweisen. Es bringe ja auch nichts, wenn ein Vorgesetzter oder eine Vorgesetzte unrealistische Ziele vorgebe. So würden Ziele nicht als Ansporn und Unterstützung empfunden, wie es die Wirtschaftstheoretiker einst gedacht hatten, sondern als willkürliche Befehle und Stress.

Letztlich liege das Problem in der Politik, sagt Thomas Geiser: «Da wurden in den letzten Jahren zum Teil völlig unkoordiniert Entscheide gefällt, die weitreichende Folgen haben und sich manchmal sogar widersprechen.» Auch da hofft er auf die Gewerkschaften, die immer wieder den Finger auf Fehlentwicklungen legen. «Das wird uns noch jahrelang beschäftigen», ist Geiser überzeugt.

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