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«In der Pflege von Angehörigen gibt es keinen überschaubaren Zeitraum»

Arbeit und Angehörige pflegen – wie geht das? Das erklärt Dr. Bettina Ugolini, Leiterin der Beratungsstelle «Leben im Alter» der Universität Zürich. Sie ist auch Referentin am gemeinsamen Kurs von syndicom und VPOD zum Thema. 

 

Wie oft wenden sich Personen mit Fragen rund um die Pflege von Angehörigen an Sie und was machen Sie konkret?

Bettina Ugolini: Bei etwa 70 Prozent geht es um Angehörigenpflege: viele dieser Ratsuchenden kommen, wenn sie erschöpft sind. Oft ist es für sie die erste Gelegenheit, über ihre eigenen Probleme zu sprechen. In der Beratung geht es um konkrete Entlastung: von der psychischen Stütze über zeitliche Entlastungsangebote bis zur Finanzierung von Unterstützung.

Hat es genug Entlastungsangebote für pflegende Angehörige?

Eigentlich hat es genügend Angebote, doch die Angehörigen sind oft derart belastet, dass sie keine Kraft mehr haben, nach dem richtigen zu suchen. Die Angebote sind wenig vernetzt, was bedeutet, dass man sich an mehrere Stellen wenden muss. Nützlich wäre eine Art zentrale Anlaufstelle, die wenn nötig auch Abklärungen im Sinne eines Case-Managements übernehmen kann.

Zwei Drittel der Sorgenden sind Frauen. Hat das Auswirkungen auf Ihre Beratung?

Für Frauen ist die Pflege von Angehörigen oft der zweite Unvereinbarkeitskonflikt zwischen Familie und Beruf. Deshalb ist es bei ihnen besonders wichtig, nachzufragen. Eine solche Entscheidung sollte nicht vom Erwartungsdruck der gepflegten Person oder der Geschwister bestimmt sein.

Warum ist das so wichtig?

Man muss sich im Klaren sein, dass es für die Pflege von Angehörigen keinen überschaubaren Zeitraum gibt. Das hat weitreichende Konsequenzen. Wichtig ist deshalb auch, dass man von Anfang an ein Ausstiegs-Szenario festlegt, denn wenn man schon erschöpft ist, kann man das nicht mehr organisieren.

Ist Pflege überhaupt mit Berufstätigkeit zu vereinbaren?

Man weiss aus Befragungen, dass Pflegende viel Zeit investieren, Töchter und Söhne 25 Wochenstunden, Ehepartner 60 Wochenstunden. Man kommt also nicht darum herum, das Berufspensum zu reduzieren, wenn man nicht selber an Überlastung erkranken will.

Welche Rolle spielt der finanzielle Aspekt bei der Entscheidung, Angehörige selber zu pflegen?

Er ist wichtig, weil es ja meist nicht nur um eine kurze Zeit geht. Deshalb sollte man mit der pflegebedürftigen Person einen «Pflegevertrag» abschlies­sen. Darin soll aufgeführt sein, was man freiwillig macht und was bezahlt sein muss. Dafür gibt es Vorlagen und Stundenansätze bei der Pro Senectute.

Was halten Sie davon, dass einige Gemeinden pflegende Angehörige bei der Spitex anstellen?

Es ist sicher einfacher, direkt mit dem gepflegten Familienmitglied abzurechnen, anderseits garantiert das Spitex-Modell, dass man sozialversichert ist. Denn eine Reduktion der Berufsarbeit hat Konsequenzen für die Altersrente.

Der Bundesrat erarbeitet zurzeit einen Umsetzungsplan zu Work & Care mit besseren Rahmenbedingungen für die Sorgenden. Was halten Sie davon?

Es hängt ja vor allem von den Arbeitgebern ab, ob das genügt. Der finanzielle Teil könnte allenfalls durch eine Pflegeversicherung abgedeckt werden. So oder so bleibt die Doppelbelastung. Und gute Rahmenbedingungen dürfen nicht zum moralischen Druck werden, die Pflege übernehmen zu müssen.

Warum soll sich die Politik dafür interessieren?

Sicher auch, weil es immer mehr pflegebedürftige Menschen gibt, die keine Angehörigen haben oder deren Angehörige im Ausland leben. Deshalb muss die Gesellschaft Verantwortung übernehmen und wir müssen eine Sorge-Kultur entwickeln.

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