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Krasser Verstoss gegen den GAV Druckindustrie – 45-Stunden-Woche!

45 Stunden Arbeit pro Woche: das gilt seit der zweiten Hälfte August für die Beschäftigten der FERAG, einer Herstellerin von Anlagen für die Weiterverarbeitung in der Druckindustrie, und die Mitarbeitenden ihrer Tochterfirma, der Druckerei pmc. Damit soll nach dem Willen der Chefs der nicht bewiesenen Gefahr eventueller roter Zahlen getrotzt werden.


Im hügeligen Zürcher Oberland – in Hinwil vor den Toren der Stadt Zürich – residiert seit 1957 die «Walter Reist Holding AG». Nach eigenen Angaben «ein eigenfinanziertes Familienunternehmen», das weltweit 1'200 Mitarbeitende in seinen Firmen beschäftigt. Dazu gehören neben der Zulieferfirma Denipro AG im thurgauischen Weinfelden insbesondere die FERAG – international eine der Marktführerin in der Herstellung von Förder- und Verarbeitungssystemen für die Druckindustrie. Bei der FERAG in Hinwil sind mehrere hundert Personen angestellt.

Eine Tochtergesellschaft der FERAG ist das Druck- und Weiterverarbeitungszentrum pmc (Print Media Corporation) in Oetwil am See. Gleichzeitig dient die pmc auch als Entwicklungs- und Kundenausbildungszentrum für Ferag-Produktionsanlagen. Oetwil am See, in der Nähe von Uster gelegen, kam im vergangenen Frühjahr schon einmal in die Schlagzeilen: Per Ende März 2011 wurde das Zeitungsdruckzentrum DZO mit über 90 Beschäftigten durch die Eignerin, den Medienkonzern Tamedia, endgültig von der Landkarte der Druckindustrie gestrichen.


Drohende rote Zahlen – aber ohne Beweise


Zur finanziellen Situation der FERAG gibt es keine öffentlich zugänglichen Zahlen. Nicht bestritten wird aber von der Geschäftsleitung, dass im zurückliegenden Geschäftsjahr (März 2010 bis März 2011) bei einem geschätzten Umsatz von 330 Millionen Franken noch schwarze Zahlen geschrieben werden konnten. Der im zweiten Quartal 2011 immer stärker werdende Schweizer Franken verursachte aber zunehmendes Kopfzerbrechen. Damit ein grösserer Auftrag wirklich ausgeführt werden konnte musste kürzlich offensichtlich ein hoher Preisnachlass gewährt werden.


Diesen Verlust nahm die Walter Reist Holding im August zum Anlass, allen ihren Betrieben die 45-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich zu verschreiben – «ansonsten rote Zahlen drohen können»! Die nach GAV für die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie vorgeschriebene Aushandlung einer schriftlichen Vereinbarung über eine allfällige Arbeitszeitverlängerung mit der Betriebskommission, unter möglichem Beizug der Gewerkschaft Unia, gab es vor der Einführung der Arbeitszeitverlängerung nie. Nur, was hat dies eigentlich mit dem Druckunternehmen pmc zu tun?


Missachtung des GAV durch die pmc


An einer Sitzung vom 26. August wollte die Geschäftsleitung (GL) der pmc von der zuständigen Betriebskommission (Beko) verlangen, einer gemeinsamen Erklärung zuzustimmen. Darin sollte es heissen, dass «die pmc sich gesamthaft solidarisch mit dem Entscheid der FERAG erklärt, ab sofort die wöchentliche Arbeitszeit auf 45 Stunden zu erhöhen». Zu dieser gemeinsamen Erklärung kam es nicht, die Beko gab die verlangte Unterschrift nicht. In der darauf folgenden Woche wurde deshalb durch die GL die interne Weisung «45-Stunden-Woche bis auf Widerruf» im Betrieb aufgehängt – basta!
Der noch bis Ende 2012 gültige GAV für die grafische Industrie schreibt unter anderem die 40-Stunden-Woche vor; inhaltliche Änderungen können nur durch die Vertragsparteien vorgenommen werden. Andere Interpretationen durch einen einzelnen sind juristisch nicht zulässig. Der Entscheid der GL der pmc, die 45-Stunden-Woche einzuführen, ist nicht nur ein klarer Verstoss gegen den GAV. Der Entscheid ist auch absurd, da der Auftragbestand bei der pmc mit einem Drei-Schicht-Betrieb in keiner Weise eine Arbeitszeitverlängerung zulässt. Dies gilt generell für die Druckindustrie in ganz Europa: generell muss jede Druckerei um jeden Auftrag kämpfen (jeder gegen jeden!). Deshalb ist Preisdumping stark verbreitet.


Länger arbeiten lassen in der Druckindstire – absurd!


Wenn auch die Druckerei pmc und die FERAG als Herstellerin von Anlagen für die Druckindustrie zwei verschiedenen Gesamtarbeitsverträgen unterstellt sind, haben sie doch etwas gemeinsam eine Art Familiendoktrin der Walter Reist Holding: Die offene Gesprächsbereitschaft mit den jeweiligen Arbeitnehmendenvertretungen, den Beschäftigten selbst wie auch mit den zuständigen Gewerkschaften ist nicht die Stärke dieser Holding. Wird nicht gespurt, versucht man mit moralischem Druck nachzuhelfen.
So wurden beider pmc die Betroffenen dazu gedrängt, eine «rein informative Umfrage» zugunsten der 45-Stunden-Woche» zu unterschreiben. Die Beschäftigten der FERAG wurden aufgefordert, sich nicht von der Meinung der Unia beeinflussen zu lassen. Der zuständige Unia-Sekretär, der vor der Firma die Einladung zu einer Betriebsversammlung verteilte bzw. unter die Scheibenwischer der Autos auf dem Firmenparkplatz steckte, wurde wegen Hausfriedensbruch polizeilich verklagt.


Beschäftigte unter moralischem Druck


Auf Antrag von syndicom verlangte das paritätische Berufsamt der grafischen Industrie erfolgreich bei der GL der pmc, dass es zu einer Zusammenkunft zwischen der Vertragsparteien und der pmc kommt. Hauptthema: Vorübergehende Einführung der 45-Stunden-Woche. Dieses Gespräch findet leider erst nach Drucklegung dieser Nummer von «syndicom die zeitung» statt. Wir bleiben aber dran…

Hans-Peter Graf, Zentralsekretär der Branche Grafische Industrie und Verpackungsdruck


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