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Tamedia-Angestellte pochen auf ihr Recht

Am 8. April demonstrierte syndicom zusammen mit Angestellten der Druckzentren vor der Aktionärsversammlung von Tamedia gegen den Austritt des Konzerns aus dem viscom. Es ist ein Skandal, dass Tamedia versucht, sich auf diesem Weg aus dem Gesamtarbeitesvertrag zu stehlen.

© Christian Capacoel

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Stolz präsentierte Tamedia ihren Aktionären im April die Wachstumsraten des hauseigenen Digitalwarenladens: 2015 wurde ein Rekordgewinn von 334 Millionen Franken verzeichnet. Rund 200 Millionen davon sind zwar reine Buchgewinne aus dem local-search-Deal mit Swisscom. Doch auch die 130 Millionen Betriebsergebnis (EBIT) sind für die Medienbranche ein sehr gutes Resultat mit Margen, von denen alle andern Medien- und Druckunternehmen nur träumen.

78% des Ergebnisses dank Publizistik und Druck
In einem Flyer, der den eintreffenden Gästen verteilt wurde, fragte syndicom: «Wo bleibt der Stolz, ein Medien- und Druckunternehmen zu sein?» Schliesslich sind immer noch 78% des Ergebnisses (EBIT) den Angestellten der Bereiche Publizistik und Druck zu verdanken. Stattdessen hat Tamedia per Ende 2015 die Sozialpartnerschaft in der grafischen Industrie aufgekündigt und ist aus dem Unternehmerverband viscom ausgetreten. Um sich aus dem Gesamtarbeitsvertrag zu schleichen? Um die Zuschläge für die Nachtarbeit der Drucker zu umgehen? Will Tamedia im Produktionsbereich Zustände schaffen wie für die JournalistInnen, die seit bald 12 Jahren ohne Gesamtarbeitsvertrag dastehen? Für die Tamedia-Angestellten ist das Vorgehen der Unternehmensleitung verantwortungslos. Deshalb unterschrieben zwei Drittel der MitarbeiterInnen in den Druckzentren eine Petition, die unmissverständlich fordert: Wir wollen einen GAV!

Wir haben das Recht auf gesicherte Arbeitsbedingungen in einem GAV!

Während der Generalversammlung ergriff auch Hanruedi Looser, Präsident der Betriebskommission im Tamedia-Druckzentrum Zürich im Namen seiner Kolleginnen und Kollegen das Wort. „Wir wehren uns nicht gegen neue Herausforderungen“, sagte er, die Angestellten der Tamedia-Druckzentren seien flexibler und produktiver als je zuvor. Sie hätten den Mehraufwand immer bewältigt, ohne „Knurren und Murren“. Aber: „Warum sollen wir heute weniger wert sein als früher, wenn wir heute mehr leisten als früher?“ Am Anliegen seiner Kolleginnen und Kollegen liess er keine Zweifel: „Wir verlangen, dass Tamedia den GAV verbindlich anerkennt, zurück in den viscom geht und damit die Sozialpartnerschaft weiterführt, damit für uns wieder Gewissheit und Sicherheit bezüglich unserer Arbeitsbedingungen geschaffen wird.“


Am Verlegerkongress 2015 äusserte sich Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino positiv zu GAV-Verhandlungen mit den JournalistInnen-Verbänden. Der Austritt aus dem viscom lässt syndicom an der Ernsthaftigkeit dieses Bekenntnisses zweifeln. Dass Tamedia, das finanzkräftigste Medienunternehmen und der grösste Zeitungsdrucker des Landes, sich aus der Sozialpartnerschaft verabschiedet, die Angestellten in Unsicherheit hängen lässt und damit auch den Arbeitsfrieden gefährdet, ist ein Skandal! Die sozialpartnerschaftlichen Verpflichtungen kosten das Unternehmen weniger als allein die Ausschüttung an den Vorsitzenden der Unternehmensleitung, dessen Gesamtentschädigung auf 6 Millionen Franken verdoppelt wurde! 48 Millionen Dividenden (davon 36 Mio. für die Besitzerfamilie); 18 Millionen für Unternehmensleitung und Verwaltungsrat: Ohne motivierte Arbeitnehmende, die flexibel Tag und Nacht für Tamedia arbeiten, ist dieser Geldsegen nicht nachhaltig.

syndicom fordert

  • Die sofortige Rückkehr von Tamedia in die Vertragspartnerschaft der grafischen Industrie
  • Ein dauerhaftes Engagement für gute und gesamtarbeitsvertraglich abgesicherte Arbeitsbedingungen sowie den Wiedereintritt von Tamedia in den Unternehmerverband viscom
  • Ein aktives Engagement von Tamedia im Verband Schweizer Medien zum Abschluss eines Gesamtarbeitsvertrags für die JournalistInnen der Deutschschweiz und des Tessins

Aktionärsdemokratie?
Seit der Annahme der Minder-Abzocker-Initiative stimmen Generalversammlungen von AGs u.a. über die Entschädigungen für Verwaltungsrat und Unternehmensleitung sowie Boni ab. So auch bei Tamedia.
syndicom stellte den Antrag auf Ablehnung der der diesbezüglichen Anträge des VR (Antrag von Roland Kreuzer (YouTube-Kanal von syndicom): 2,37 Mio. für den Verwaltungsrat, 4,67 Mio. für die 7 Unternehmensleitung und nochmals 10,76 Mio. als Bonus für die gleichen 7 Unternehmensleiter: Ohne GAV kein Bonus, gespart wird nicht bei den Angestellten! 752'000 Stimmen lehnten die 10 Mio. Bonus ab, 8,42 Mio. sagten ja. Ziehen wir in Betracht, dass ca. 7,5 Mio Ja-Stimmen vom erweiterten Familienkreis Coninx und vom Aktienpaket der Unternehmensleitung stammen, so waren zahlenmässig die Menschen im Saal in der Überzahl, die Verständnis für das Anliegen des Personals gezeigt haben! Doch wo Geld und Profit regieren, haben menschliche Mehrheiten das Nachsehen und Abzocke wird an Generalversammlungen von AGs nicht verhindert! (rk)

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