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Auslagerungsängste bei Swisscom

Diskussionen um Auslagerungen lösen bei Gewerkschaften und den betroffenen Angestellten immer Ängste aus. Swisscom IT Services (ITS) hat kürzlich ein Pilotprojekt gestartet, um Near- und Offshoring von Arbeiten zu testen. Wir haben uns mit
Giorgio Pardini, Leiter des Sektors Telecom/IT bei syndicom, darüber unterhalten, was darunter zu verstehen ist und ob die Ängste der Mitarbeitenden berechtigt sind. 


syndicom: Was ist unter Near- und Offshoring zu verstehen?

Giorgio Pardini: Unter Nearshoring ist die Auslagerung eines Teils der Arbeiten in einen Kulturkreis zu verstehen, der uns nahe ist, also beispielsweise die Auslagerung nach Osteuropa. Unter Offshoring versteht man die Auslagerung in weit entfernte Regionen mit einer völlig anderen Kultur, also zum Beispiel nach Indien oder China.

Warum testet Swisscom ITS Near- und Offshoring?

Der Druck auf Swisscom ITS wird von der eigenen Kundschaft aufgebaut, die wiederum selbst unter Kostendruck steht. So zum Beispiel von den SBB, die diese Strategie verlangen, um billigere Dienstleistungen zu beziehen. Die Konkurrenz von Swisscom ITS bietet schon seit Jahren eigene Dienstleistungen über Offshoring an; in der IT-Branche ist das inzwischen die Regel. ITS wird sich bei einer Offshoring-Strategie die Frage stellen müssen, wie viel «Swissness» im Swisscom-Brand am Ende noch übrig bleibt.

Wo liegt aus gewerkschaftlicher Sicht das Problem von Near- und Offshoring?

Das Grundproblem ist der Verlust von Arbeitsplätzen und Know-how.

Ergeben sich auch neue Chancen?

Wenn durch Near- oder Offshoring neue Märkte erschlossen werden, können im Stammland neue Arbeitsplätze geschaffen werden, weil neue Dienstleistungen angeboten werden können. Zudem kann Near- und Offshoring auch eine Chance sein für die Forschung und Entwicklung in der Schweiz. Swisscom ITS hat diese Chance, wenn das Unternehmen die Auslagerung als Verlängerung der «Werkbank» konzipiert.

Was macht syndicom jetzt in Bezug auf das Auslagerungs-Pilotprojekt bei Swisscom ITS?

Wir setzen uns zusammen mit unseren Mitgliedern bei ITS intensiv mit dem Thema auseinander. Hierzu werden wir ein umfassendes Positionspapier verfassen, so wie wir es bei der Erarbeitung des Forderungskataloges zur Weiterentwicklung des GAV Swisscom auch schon gemacht haben. Wir wollen auf der Basis von Thesen eine breite Diskussion führen. So können wir anschliessend eine klare Position einnehmen. Das gibt den Mitgliedern eine politische Orientierung. Zudem positionieren wir uns so im Rahmen der Mitwirkung klar gegenüber Swisscom. Die Menschen wollen Perspektiven haben. Dann sind sie auch bereit, Veränderungsprozesse mitzutragen und mitzugestalten.


Müssen Angestellte von ITS um ihren Arbeitsplatz fürchten?

Wie bereits gesagt, führen Auslagerungen von Tätigkeiten in benachbarte Staaten zum Verlust von bestehenden Arbeitsplätzen beziehungsweise Arbeit. Das kann man nicht verhindern. Wir müssen uns auf die Arbeitsmarktfähigkeit der betroffenen Kolleginnen und Kollegen konzentrieren. Diesbezügliche Überlegungen haben wir im Rahmen der laufenden GAV-Verhandlungen skizziert.

Kann Near- und Offshoring auch Einfluss auf die Löhne und Arbeitsbedingungen der ITS-Angestellten haben?

Das glaube ich nicht. Denn die Arbeitstätigkeiten werden in Billiglohnländer ausgelagert, die über ein so tiefes Lohnniveau verfügen, dass wir auch mit Lohnkürzungen nie konkurrenzfähig würden. Deshalb ist Lohnverzicht keine Alternative, um Auslagerungen zu verhindern.


Haben wir bereits Erfahrung mit Near- und Offshoring-Projekten unserer Sozialpartner?

Nein.

Gibt es Möglichkeiten, über Gesamtarbeitsverträge auf Near- und Offshoring-Projekte einzugehen?

Das glaube ich nicht. Wir wollen aber von der Swisscom die Garantie, dass bei Auslagerungen gute soziale Standards und die Gewerkschafts- und Mitwirkungsrechte der Mitarbeitenden garantiert werden.

Eine Studie hat vor ein paar Jahren aufgezeigt, dass die deutsche IT-Branche von einer Kosten- in eine Innovationsfalle zu geraten droht. Was ist darunter zu verstehen?

Um die Produktivität und die Kostenoptimierung zu steigern, begannen amerikanische IT-Multis die industriellen Prozesse nach Indien zu verschieben. Diesen folgten Verwaltungsaufgaben und zuletzt die Entwicklung. Das hat dazu geführt, dass Indien führend in der Forschung und Entwicklung im ICT-Sektor geworden ist. Solche Prozesse führen zum Niedergang der Forschung und Entwicklung im eigenen Land. Nach den USA ist das auch in Deutschland passiert. Heute versucht man unter dem Titel «Insourcing» mühsam, strategisch wichtige Tätigkeiten wieder unter das einheimische Dach zurückzuführen. Mit dem faden Nachgeschmack, dass diese hochwertigen Tätigkeiten nicht mehr im Hochlohnsektor angesiedelt sind.

Franz Schori ist Fachsekretär Sektor Telecom/IT

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