Arbeit in der Crowd

Alles schon mal dagewesen?

Crowdworker erledigen für wenig Geld und ohne jeglichen rechtlichen und sozialen Schutz kleine Aufträge im Internet. Die jahrhundertealte Heimarbeit, inklusive ihrer prekären Arbeitsbedingungen, erlebt derzeit eine Renaissance. Entsteht hier ein neues, digitales Prekariat?

 

Einen Werbetext schreiben für 3 Franken, für 15 Franken jemanden von Zürich nach Winterthur chauffieren, für 20 Franken über Skype an einer Umfrage teilnehmen. Die Digitalisierung macht es möglich, über das Internet oder eine App innerhalb von kurzer Zeit Arbeit zu finden. Bereits ist von einer «Gig Economy» die Rede, einem Heer von Arbeitnehmenden, die sich in Zukunft mit vielen Kleinstaufträgen (Gigs) über Wasser halten.

Wie gemacht für diese neue, flexible Form der Arbeit ist das sogenannte Crowdworking. Firmen schreiben über digitale Plattformen wie Freelancer.com oder Upwork.com Aufträge aus, Arbeitnehmende können sich darauf bewerben. Oft wird synonym von «Crowdsourcing» gesprochen, weil es für die Auftraggeber ein Outsourcing von Arbeit an eine undefinierte Masse von Leuten (Crowd) bedeutet. Was wie ein eben erst aufgekommener Trend klingt, ist in Wahrheit gar nicht so neu. Letztlich sind Crowdworking und andere flexible Arbeitsformen des digitalen Zeitalters ein Zeichen für eine Renaissance der alten Heimarbeit: ArbeitgeberInnen lagern Arbeiten an formell selbstständige Dienstleistende aus, statt dafür Personal anzustellen – hauptsächlich, um Geld zu sparen, teilweise auch, um vom technischen Know-how oder von den Ideen der Arbeitenden zu profitieren.

Die neuen Crowdworker wiederum kämpfen mit denselben Problemen wie die alten Heimarbeiter, wie sie es bis Mitte des 20. Jahrhunderts in Exportindustrien zuhauf gab: sehr schlecht entlöhnt und auf Verderb den Launen der Konjunktur oder einzelner Arbeitgeber ausgesetzt. Wirtschaftliche Risiken und ihre sozialen Folgen tragen sie ausnahmslos selbst. Wurden HeimarbeiterInnen früher per Stange Garn entlohnt, erhalten CrowdworkerInnen heute einen kleinen Obolus für das Testen einer Software.

Die Blütezeit der Heimarbeit

Heimarbeit gibt es schon seit dem 16. Jahrhundert. Kaufleute aus der Stadt engagierten Handwerker vom Land als billige Arbeitskräfte. Die grosse Blütezeit erlebte die Heimarbeit mit der Einführung des Verlagssystems ab dem 17. Jahrhundert. Der Herstellungsprozess wurde in einzelne Arbeitsschritte zerlegt, die von jeweils anderen SpezialistInnen in Heimarbeit ausgeführt wurden. In der Textilindustrie beispielsweise lieferten Kaufleute Rohstoffe (beispielsweise Baumwolle) oder Zwischenprodukte (wie Garn) sowie die notwendigen Werkzeuge an die Haushalte, liessen sie dort verarbeiten (z.B. zu Tüchern) und exportierten sie danach. So wurde etwa im Kanton Zürich ein Grossteil der Baumwolle, Seide und Wolle in Heimarbeit auf dem Land verarbeitet. In Tausenden von privaten Stuben und Kellern standen Spulräder und Webstühle. Ein Grossteil der ländlichen Familien lebte bis Mitte des 19. Jahrhunderts von diesen Einkünften. Bezahlt wurden sie pro Stange oder Gewicht, Arbeitsausfälle wurden nicht entschädigt. Auch Uhren wurden über viele Jahre hinweg hauptsächlich in Heimarbeit gefertigt.

Mitte des 19. Jahrhunderts waren für eine einzige Uhr über 50 Arbeitsschritte notwendig, die von den jeweiligen SpezialistInnen zu Hause oder in Ateliers ausgeführt wurden. Vielerorts waren ganze Familien mit der Arbeit beschäftigt – auch Kinder. Die Arbeit war für die ländliche Bevölkerung eine wirtschaftlich notwendige Nebenbeschäftigung zur landwirtschaftlichen Feldarbeit. «Der Verdienst war ordentlich und die Kinder zahlreich», wie sich ein jurassischer Uhrenmacher in der «Gewerblichen Rundschau» von 1909 erinnerte. Doch mit der aufkommenden Industrialisierung Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Verdienste kleiner, die Arbeitszeiten länger, Kinderarbeit häufiger. Unzählige Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter mussten ihre Dörfer verlassen, um Arbeit in einer Fabrik anzunehmen. Aus kleinbäuerlichen Heimarbeitenden wurde das lohnabhängige Fabrikproletarieriat.

Während Anfang des 20. Jahrhunderts noch 68‘000 Mitarbeitende in den Schweizer Exportindustrien in Heimarbeit tätig waren, waren es zu Beginn des 2. Weltkriegs noch 12‘300. Wenig später war Heimarbeit praktisch verschwunden – es gab sie primär noch als schlecht bezahlten Zusatzverdienst für Hausfrauen aus entlegenen Bergregionen. Erst mit dem Aufkommen der neuen Kommunikationstechnologien, mit der Verbreitung von Computer und Internet ab Ende des Jahrhunderts sollten Firmen wieder vermehrt Arbeit auslagern – womit die Renaissance der Heimarbeit eingeleitet wurde. Die «neue» Heimarbeit über Crowdworking-Plattformen gibt es seit rund zehn Jahren und dem Aufkommen von sozialen Netzwerken.

Für Firmen ist auslagern rational, für Arbeiter prekär

Warum aber wurde es für Firmen auf einmal wieder interessant, Arbeit an Externe zu vergeben, statt sie intern im Betrieb zu erledigen? Der britische Ökonom Ronald Coase sah die Antwort auf diese Frage im Jahr 1937 vorweg – und sollte damit später den Nobelpreis für Wirtschaft gewinnen. Je mehr Zeit und Mühe es koste, um für jeden einzelnen Arbeitsschritt externe DienstleisterInnen zu suchen, desto rationaler sei es, eigenes Personal anzustellen. Er nannte diese Aufwände «Transaktionskosten». Mit der Digitalisierung sind nun diese Transaktionskosten drastisch gesunken. Plötzlich ist es möglich, mit wenigen Klicks selbst kleinste Arbeitsaufträge auf einem Markt mit Tausenden Dienstleistenden auszuschreiben – zum Beispiel über Crowdworking-Plattformen. Mit anderen Worten: Das Auslagern von Arbeit ist viel günstiger und für Firmen damit interessanter geworden.

Was bedeutet das für die neuen Selbstständigen, die diese Arbeiten ausführen? Beispiel Crowdworking: Oft erledigen die neuen HeimarbeiterInnen monoton-repetitive Arbeiten für wenige Franken, Euro oder Dollar pro Stunde und ohne jeglichen arbeitsrechtlichen Schutz. Kommt dazu, dass Betreibenden von Crowdfunding-Plattformen von einem rechtlichen Graubereich profitieren. Im Netz verschwimmen Landesgrenzen, weswegen Firmen Arbeitsverträge kurzerhand durch ihre allgemeinen Geschäftsbedingungen ersetzen. Dass dies rechtlich auf Dauer standhält, ist zwar unwahrscheinlich. Jedoch ist es aufgrund des grenzüberschreitenden und meist anonymen Felds der digitalen Arbeit noch immer schwierig, Arbeitsrecht zu kontrollieren, geschweige denn, es flächendeckend durchzusetzen.

Menschen, die mit Crowdworking-Aufträgen ihren Hauptverdienst bestreiten, werden auch «Clickworker» genannt. In Vollzeit gebe es sie in der Schweiz jedoch noch kaum, meint Professor Jan Marco Leimeister, Crowdworking-Experte am Institut für Wirtschaftsinformatik der Uni St.Gallen. «Für SchweizerInnen sind Crowdworking-Aufträge eher Dritt- bis Fünftjobs.» Arbeit über Crowdworking-Plattformen würde während Leerlaufzeiten als einfach verfügbarer Zuverdienst dienen, Abwechslung zu anderen Tätigkeiten bieten oder bei der Kundenakquise helfen. Was es hingegen sicher gebe, seien Schweizer Firmen, die ausländische Crowdworker beauftragen, die in ihren Heimatländern von diesen Einkünften leben. Leimeister betont, dass dies nicht durchwegs negativ ist. «Was für uns ein prekärer Lohn wäre, ist für Inder oder Bulgaren ein gutes Einkommen.»

Digitales Prekariat oder digitale Bohème?

Kritiker sehen das Aufkommen der neuen Heimarbeit als Zeichen für ein ausbeuterisches System oder eine Rückkehr zum Taylorismus. Von einem «digitalen Prekariat» ist die Rede, von Arbeit auf Abruf und einem Heer von Tagelöhnern und Scheinselbstständigen, die keine Arbeit finden und darum für Hungerlöhne Kleinstaufträge annehmen. Tatsächlich sind die Parallelen zwischen alter Heimarbeit und neuen Formen wie Crowdworking augenscheinlich. Doch gibt es einen wichtigen Unterschied: Geschah Heimarbeit früher aus einer wirtschaftlichen Notwendigkeit heraus, wählen heute viele gut ausgebildete Arbeitnehmende freiwillig die Heimarbeit mitsamt ihren prekären Bedingungen. Ein Grund dafür ist der Trend hin zur Flexibilisierung der Arbeit. Viele wollen zeitlich und örtlich ungebunden arbeiten. Manche wollen schlicht die Kinderbetreuung gleichberechtigt aufteilen. In jüngeren Generationen hat sich zudem eine Gruppe von Sinn suchenden Arbeitnehmenden herausgebildet, denen persönliche Freiheit und Selbstständigkeit wichtiger sind als Entlöhnung oder Arbeitsbedingungen. Dem Stereotyp nach leben sie in Bali, machen morgens Yoga und abends Party, dazwischen bearbeiten sie am Laptop Projekte für globale Auftraggeber. Wohlgemerkt schreiben Firmen auf Crowdworking-Plattformen nicht nur repetitive, für Unqualifizierte geeignete Arbeiten wie das Testen von Software aus, sondern suchen dort auch nach Kreativen, die ihnen ein neues Logo gestalten oder einen Werbespruch texten. Es gibt also nicht nur das «digitale Prekariat», sondern eben auch die «digitale Bohème».

Sozialsystem neu denken

Was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn die Zukunft der Arbeit aus immer mehr solchen «neuen Selbstständigen» besteht? Der Ökonom Jens Meissner von der Hochschule Luzern und der Arbeitspsychologe Johann Weichbrodt von der Fachhochschule Nordwestschweiz haben sich unter anderem diese Frage gestellt. In ihrer Studie «Flexible neue Arbeitswelt» haben sie mehrere Szenarien zur Zukunft der Arbeit erarbeitet. Eines davon war die Verschiebung hin zu einer Mehrheit der Bevölkerung, die als Selbstständige arbeitet. Die Autoren schreiben, dass dies volkswirtschaftlich vor allem negative Konsequenzen hätte. Weichbrodt sagt: «Die soziale Absicherung wäre weitgehend ungeklärt, da unser Sozialsystem auf Festanstellungen ausgerichtet ist.» Ausserdem würden Einbussen bei den Steuereinnahmen anfallen – einerseits, weil Arbeitnehmende tendenziell weniger verdienen würden, andererseits, weil es durch Kryptowährungen wie Bitcoin leichter würde, Einkommen nicht anzugeben. Weichbrodt betont aber, dass es sich bei diesen Szenarien um Gedankenspiele handelt: «Dass dieses Szenario eintrifft, ist unwahrscheinlich.» Mit der Studie habe man lediglich aufzeigen wollen, dass das Sozialsystem grundlegend überdacht werden muss, falls sich flexiblere Arbeitsformen in Zukunft durchsetzen sollten.Als die Industrialisierung Anfang des 20. Jahrhunderts viele ArbeiterInnen aus ihren sozialen Netzen herausriss, die eine gewisse Sicherheit verliehen, fand die Gesellschaft darauf eine Antwort. In jahrzehntelanger Arbeit erschuf man soziale Sicherheitsnetze in der Überzeugung, dass es für individuelle Not eine kollektive Verantwortung gibt. Mit der Digitalisierung ändern sich die Arbeitsverhältnisse erneut radikal – einerseits aus wirtschaftlichen Zwängen heraus, andererseits wegen veränderter gesellschaftlicher Normen. Noch aber hängt die Mehrheit der Errungenschaften des modernen Sozialstaats, erkämpft über mehr als hundert Jahre, an traditionellen Vollzeit-Lohnarbeitsverhältnissen: Pensions- und Krankenversicherung, Krankentaggeld und Mutterschutz, Arbeitszeitbeschränkungen und Feiertage, betriebliche Mitbestimmung oder Kollektivverträge. Die Gesellschaft wird also erneut gefordert sein, ihr Sozialsystem grundlegend anzupassen, damit aus den neuen Selbstständigen – einer Mischung aus digitalem Prekariat und digitaler Bohème – nicht die VerliererInnen dieser neuen, digitalen Revolution werden, die permanent mit prekären Arbeitsverhältnissen leben müssen.

Text: Andres Eberhard

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